1’000 Tage nach dem 7. Oktober 2023

Gestern, dem 2. Juli 2026, waren es 1’000 Tage nach dem 7. Oktober 2023. In ganz Israel fanden dazu Gedenkveranstaltungen statt.

Das Datum ist bemerkenswert: Der Überfall aus Gaza an diesem 7. Oktober fiel auf Simchat Tora, einen der freudigsten Feiertage des jüdischen Kalenders. Die 1’000-Tage-Marke fiel dagegen auf den 17. Tamus, einen jüdischen Trauer- und Fastentag. Mit ihm beginnen die „Drei Wochen“, eine Zeit der Trauer um die Zerstörung Jerusalems und der beiden Tempel.

Prophezeiungen aus dem Tanach – und wo stehen wir heute?

Die Propheten des Tanach kündigten mehrmals an, dass G’tt das jüdische Volk aus allen Enden der Erde nach Israel zurückführen wird.

וְשָׁ֨ב יְהֹוָ֧ה אֱלֹהֶ֛יךָ אֶת־שְׁבוּתְךָ֖ וְרִחֲמֶ֑ךָ וְשָׁ֗ב וְקִבֶּצְךָ֙ מִכׇּל־הָ֣עַמִּ֔ים אֲשֶׁ֧ר הֱפִֽיצְךָ֛ יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ שָֽׁמָּה׃
אִם־יִהְיֶ֥ה נִֽדַּחֲךָ֖ בִּקְצֵ֣ה הַשָּׁמָ֑יִם מִשָּׁ֗ם יְקַבֶּצְךָ֙ יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֔יךָ וּמִשָּׁ֖ם יִקָּחֶֽךָ׃
וֶהֱבִיאֲךָ֞ יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֗יךָ אֶל־הָאָ֛רֶץ אֲשֶׁר־יָרְשׁ֥וּ אֲבֹתֶ֖יךָ וִֽירִשְׁתָּ֑הּ וְהֵיטִֽבְךָ֥ וְהִרְבְּךָ֖ מֵאֲבֹתֶֽיךָ׃

5. Mose 30: 3–5

“Und der HERR, euer G”tt, wird eure Gefangenschaft wenden und euch gnädig sein und euch aus allen Völkern, unter die der HERR, euer G’tt, euch zerstreut hat, wieder sammeln. Wenn ihr bis an die Enden des Himmels verstossen seid, wird der HERR, euer G’tt, euch von dort sammeln und euch von dort holen. Und der HERR, euer G’tt, wird euch zurückbringen in das Land, das eure Väter geerbt haben, und ihr werdet es erben, und es wird euch gut gehen, und ihr werdet zahlreicher sein als eure Väter”


אַל־תִּירָ֖א כִּ֣י אִתְּךָ־אָ֑נִי מִמִּזְרָח֙ אָבִ֣יא זַרְעֶ֔ךָ וּמִֽמַּעֲרָ֖ב אֲקַבְּצֶֽךָּ׃
אֹמַ֤ר לַצָּפוֹן֙ תֵּ֔נִי וּלְתֵימָ֖ן אַל־תִּכְלָ֑אִי הָבִ֤יאִי בָנַי֙ מֵרָח֔וֹק וּבְנוֹתַ֖י מִקְצֵ֥ה הָאָֽרֶץ׃

Jesaia 43: 4-5

“Fürchtet euch nicht, denn ich werde euch vom Osten herbringen und euch vom Westen her sammeln. Ich werde zum Norden sagen: „Ich werde dich bringen“, und zum Süden: „Fürchtet euch nicht! Ich werde meine Söhne von fern herbringen und meine Töchter von den Enden der Erde.“

וְלָקַחְתִּ֤י אֶתְכֶם֙ מִן־הַגּוֹיִ֔ם וְקִבַּצְתִּ֥י אֶתְכֶ֖ם מִכׇּל־הָאֲרָצ֑וֹת וְהֵבֵאתִ֥י אֶתְכֶ֖ם אֶל־אַדְמַתְכֶֽם׃

Hesekiel 36: 24

“Und ich werde euch aus den Völkern herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer eigenes Land bringen”


Doch was ist mit jenen, die sich weigern, in die jüdische Heimat zurückzukehren? Solange ein Teil unseres Volkes in der Diaspora bleibt, wird diese Prophezeiung ja nicht erfüllt – und damit G’ttes Versprechen nicht vollständig eingelöst – sein.

Aus meiner Sicht gibt es dafür nur zwei logische Möglichkeiten:

  • Entweder meint der Tanach mit dem “jüdischen Volk”, das gesammelt werden soll, nur jene Juden, die sich diesem “Ruf nach Heimkehr” nicht widersetzen. Das stellt die Frage: Wer entscheidet letztendlich, wer dannzumal zum jüdischen Volk gehören wird, respektive wer es verlassen hat?
  • Oder diese Rückkehr ist noch immer im Gang und wird letztlich auch alle heute noch in der Diaspora lebenden Juden erfassen. Das würde bedeuten: Wer die Heimkehr nicht freiwillig antritt, wird eines Tages durch die Ereignisse seines Wohnlandes dazu gezwungen werden.

Beides sind interessante Sichtweisen, die teilweise auch im Talmud diskutiert werden. Persönlich glaube ich, dass beide Sichtweisen zutreffen und sich letztlich ergänzen.

So viel zu sehr alten Prophezeiungen aus dem Tanach, doch nun zur Frage: Wo stehen wir heute?


Ende des 19. Jahrhunderts erlebte das Land eine erste grössere Welle heimkehrender Juden. Viele kamen aus dem Jemen und aus den kurdischen Gebieten. Ich kenne persönlich mehrere Israelis, deren Gross- oder Urgrosseltern damals nach Eretz Israel zurückkehrten, kleine Gemeinden gründeten und Synagogen errichteten. Auch meine frühere Wohngemeinde Har Adar ist stark kurdisch geprägt.

Anfang des 20. Jahrhunderts folgten weitere grössere Einwanderungswellen, vor allem aus Osteuropa und dem damaligen Russischen Reich. Viele dieser Pioniere gründeten die ersten Kibbutzim, die auf sozialistischen Grundsätzen beruhten. Sie begannen, Sümpfe trockenzulegen, das Land zu rekultivieren und die Grundlage für die moderne Landwirtschaft zu schaffen.

Nur wenig später, zur Zeit des Holocaust und danach, folgte eine weitere grosse Einwanderungswelle. Hunderttausende Flüchtlinge aus Europa und Überlebende des Holocaust fanden in Israel eine neue Heimat. Viele von ihnen waren hervorragend ausgebildet und brachten Erfahrungen aus europäischen Wissenschafts-, Wirtschafts-, Bildungssystemen und demokratischen Staatsformen mit. Sie prägten den Aufbau des jungen Staates entscheidend.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte die nächste Welle: Nahezu 1 Million jüdische Flüchtlinge aus arabisch/islamischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrika. Die damals aufgrund ihrer schlechteren Ausbildung noch relativ machtlosen Rückwanderer bilden inzwischen die Mehrheit der jüdischen Israelis. Entsprechend verschieben sich auch die politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse zunehmend zugunsten dieser Bevölkerungsgruppe – ein demokratischer Prozess, der im Ausland häufig missverstanden und oft pauschal als “Rechtsruck” bezeichnet wird. Diese Bevölkerungsgruppe hat jahrhunderte alte Erfahrung mit islamischen Systemen mitgebracht.

Und bis heute reisst diese Entwicklung nicht ab. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren nimmt die Zahl der Rückkehrer erneut zu. Der wachsende Antisemitismus in vielen Ländern führt immer mehr jüdische Familien zur Überzeugung, dass ihre Kinder dort keine sichere Zukunft haben werden. So werden zunehmend mehr Juden aus Europa, Nord- und Südamerika, Australien und auch afrikanischen Ländern zu Israelis.

Vor diesem Hintergrund markiert der 7. Oktober 2023 einen historischen Wendepunkt. Eine Weiche, die sich nicht mehr zurückstellen lässt.

Erinnerst du dich noch an den Beginn dieses Artikels? An die Formulierungen in den Prophezeiungen?

Die geopolitische Lage 1’000 Tage nach dem 7. Oktober

Gestern vor tausend Tagen wurde Israel von Gaza aus brutal überfallen. Viele Beobachter gingen damals davon aus, dass sich die Lage nach einigen Monaten wieder beruhigen würde. Solche Angriffe kennt man seit Jahrzehnten: Israel würde militärisch zurückschlagen, die dschihadistischen Gruppen in Gaza würden sich neu formieren – und nach einiger Zeit würde sich dasselbe Szenario wiederholen.

Heute sehen wir jedoch, dass das Gegenteil eingetreten ist. Aus nahezu jeder Himmelsrichtung hat sich die geopolitische Lage seit dem 7. Oktober grundlegend verändert.

Im Südwesten – Gaza

  • Die Hamas kontrolliert heute nur noch 30% des Gazastreifens und wird dort von oppositionellen Grppen heftig attackiert.
  • Ihr Tunnelnetz in den israelisch kontrollierten 70% ist zu geschätzten 80% zerstört.
  • Ihre erfahrene lokale Führungsstruktur ist ausgeschaltet.
  • Die Fähigkeit, Israel dauerhaft und koordiniert zu bedrohen, ist massiv reduziert.
  • Der von Donald Trump eingesetzte „Friedensrat“ prüft derzeit Möglichketen, die unbeteiligte Zivilbevölkerung aus den von der Hamas kontrollierten Gebieten zu evakuieren. Ziel wäre es, die dschihadistischen Kampftruppen zu isolieren und sie eventuell auch von humanitären Hilfslieferungen abzuschneiden
  • Die Frage lautet heute nicht mehr, ob die Hamas in Gaza überlebt, sondern in welcher Form Gaza zukünftig regiert werden kann.
  • Eines der Ziele des Angriffs vom 7. Oktober 2023 war, die Abraham-Abkommen zu schwächen und eine Annäherung Israels an Saudi-Arabien zu sabotieren. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Im Gegenteil: Die Abraham-Abkommen gehen gestärkt aus diesem Konflikt hervor.

Im Nordosten – Syrien

  • Das iranhörige Assad-Regime wurde weggefegt.
  • Das gegenwärtige Regime ist sunnitisch und damit weder religiös noch politisch ein natürlicher Verbündeter des schiitischen Irans.
  • Damit ist eine der wichtigsten Achsen des iranischen Einflusses an Israels Nordostgrenze zusammengebrochen.
  • Die bisherige Landbrücke Iran–Irak–Syrien–Libanon, über die Waffen, Geld und Kämpfer zur Hisbollah gelangten, ist massiv geschwächt.
  • Israel hat in Syrien eine tiefe Sicherheitszone eingerichtet. Die zuvor damit beauftragten UNO-Truppen hatten diese Aufgabe nicht erfüllt.
  • Israel verfügt damit an seiner nordöstlichen Grenze über deutlich mehr operative Handlungsfreiheit als noch vor dem 7. Oktober.
  • Zugleich bleibt Syrien instabil. Diese Instabilität bedeutet, dass Syrien nicht mehr in der Lage ist, Israel in einer grossangelegten militärischen Operation anzugreifen.

Im Norden – Libanon

  • Die Hisbollah galt lange als die weltweit stärkste und finanzkräftigste nichtstaatliche Miliz.
  • Ihre militärische Führung wurde weitgehend ausgeschaltet. Man erinnert sich an die spektakuläre Pager-Aktion vom 17. und 18. September 2024.
  • Der Tod ihres langjährigen prominenten Generalsekretärs Hassan Nasrallah hat ihrer Popularität nicht nur in Libanon schwer geschadet.
  • Ein erheblicher Teil ihres Raketen- und Drohnenarsenals wurde zerstört. Die derzeitige Lage lässt darauf schliessen, dass entweder fast alle Lang- und Mittelstreckenraketen vernichtet wurden oder dass ihre Abschussvorrichtungen nicht mehr einsatzfähig sind.
  • Die jahrzehntelang mit iranischen Milliarden aufgebaute Infrastruktur entlang der israelischen Grenze existiert nur noch in Bruchteilen und wird laufend weiter entdeckt, erobert und zerstört.
  • Mit dem separaten Rahmenabkommen zwischen Israel und dem Libanon hat sich Beirut erstmals seit Jahrzehnten bewusst von der iranischen Strategie gelöst, Israels Existenz anerkannt und den Weg für bilaterale Friedensgespräche geöffnet.
  • Der Einfluss der Hisbollah auf den libanesischen Staat ist zwar noch immer spürbar vorhanden, doch wesentlich geschwächt.
  • Die unmittelbare Bedrohung Nordisraels ist heute deutlich geringer als noch vor dem 7. Oktober.

Im weiteren Umfeld – Iran und Jemen

  • Erstmals in seiner Geschichte führte Israel einen direkten militärischen Konflikt mit dem Iran und zerstörte dabei wesentliche Teile seines Atomprogramms sowie seiner Raketen- und Luftabwehrkapazitäten.
  • Der Nachfolger des eliminierten Ayatollah, sein Sohn Mojtaba Khamenei, hat – falls er überhaupt noch am Leben und handlungsfähig ist – nicht die Autorität seines Vaters und es zeigen sich deutliche Anzeichen von Führungsschwäche und Uneinigkeiten in der iranischen Regierung und dem IRGC.
  • Der Iran verlor innerhalb kurzer Zeit wesentliche Teile seines regionalen Einflussnetzes: Die Hamas, die Hisbollah und das Assad-Regime wurden massiv geschwächt.
  • Mit den Houthi im Jemen verfügt Teheran zwar weiterhin über einen wichtigen Stellvertreter. Deren Angriffe auf die internationale Schifffahrt und auf Israel konnten den strategischen Machtverlust des Irans jedoch nicht aufhalten.
  • Zunehmend mehr arabische Staaten betrachten heute nicht mehr Israel, sondern den Iran als grösste Bedrohung für die Stabilität der Region.
  • Israel hat gezeigt, dass es bereit und in der Lage ist, auch weit entfernte strategische Ziele zu erreichen und nicht auf näher liegende Stellvertreterkonflikte beschränkt ist.

Was bedeutet das alles?

Betrachten wir die jahrtausendealten Prophezeiungen des Tanach und die geopolitische Entwicklung der letzten tausend Tage gemeinsam, ergibt sich ein bemerkenswertes Bild.

Tausend Tage nach dem 7. Oktober steht Israel einer völlig veränderten strategischen Realität gegenüber. Die unmittelbare militärische Bedrohung aus nahezu allen Himmelsrichtungen hat sich grundlegend verändert – nicht weil Frieden eingekehrt wäre, sondern weil sich das regionale Machtgefüge verschoben hat.

Welche Schlussfolgerungen man daraus zieht, muss jeder selbst entscheiden.

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One thought on “1’000 Tage nach dem 7. Oktober 2023

  1. Es macht auf mich nicht den Eindruck, daß dieser Krieg ein definiertes Ende finden wird, die Situation heute wirkt auf mich wie ein “neues Normal”.

    Danke für diese tiefgreifende Reflexion

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