Wohl jeder kennt den Begriff Shabbat (auch Sabbat oder Schabbat geschrieben) und glaubt zu wissen, dass es sich dabei ungefähr um das jüdische Pendant zum arbeitsfreien christlichen Sonntag handelt.
Ganz so einfach ist es jedoch nicht.
Was der Shabbat wirklich ist, weshalb er im Judentum eine so zentrale Rolle spielt und warum er das jüdische Leben bis heute in besonderer Weise prägt, möchte ich in diesem Artikel erklären.
Wie bei allen meinen Artikeln über das Judentum wirst du viele der folgenden Erklärungen so in keiner klassischen jüdischen Schrift finden. Das liegt daran, dass ich mich bewusst auch an ein nichtjüdisches Publikum richte. Deshalb versuche ich, jüdische Konzepte in einer Sprache zu erklären, die ohne religiöses Vorwissen verständlich ist.
Es geht mir dabei nicht darum, jemanden zu belehren oder zu überzeugen. Mein Ziel ist vielmehr, das Judentum besser verständlich zu machen. Wer die Hintergründe kennt, kann viele typisch jüdische Verhaltensweisen, Traditionen und Sichtweisen besser einordnen – auch dann, wenn er sie selbst nicht teilt.
Meine Erklärungen beruhen dennoch auf einer orthodox-jüdischen Sichtweise sowie auf den Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich während eineinhalb Jahren an einer Jeschiwa (Torah-Schule) gewinnen durfte und verinnerlicht habe.
Im Folgenden erkläre ich das Thema Shabbat in drei zeitlichen Abschnitten.
Shabbat – erste Phase
Wohl die meisten kennen den Beginn der Torah: Bereshit. In wenigen Absätzen wird hier die Entstehung des Universums “in 7 Tagen” erklärt.
Wenn man diese Kapitel nicht mit den Augen eines Naturwissenschaftlers liest, der nach einer Theorie für die Entstehung des Universums sucht, sondern sich – losgelöst von solchen Gedanken – fragt, was uns diese Kapitel mitteilen wollen, wird es schnell recht interessant.
Darüber, ob diese “7 Tage” Zeiträume von jeweils 24 Stunden im heutigen Sinn bezeichnen, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ich selbst glaube nicht, dass dieser Text eine naturwissenschaftliche Zeitangabe machen will. Denn bevor wir diesem Gedanken viel Raum geben, sollten wir andere Fragen beantworten können: Wie lange war ein Tag, bevor unser Universum existierte? Als es noch keine Sonne und keine Kalender gab? Was für eine Art von “Tagen” werden hier gezählt?
Wir Juden bezeichnen die Torah auch als “das Buch des Lebens”. In diesem Buch hat uns unser Schöpfer mitgeteilt, wie wir leben sollen, um ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können. Er hat uns erschaffen, er kennt unsere Bedürfnisse, er weiss, was uns letztendlich glücklich macht und er erklärt es uns in diesen fünf Büchern.
Bereshit ist dazu der Einstieg, sozusagen das Vorwort. Es sagt: “Seht, Menschen: So seid Ihr entstanden, aus diesen Komponenten besteht eure Wirklichkeit”
Wir sollten erkennen, dass es neben der für uns sichtbaren und lebbaren Wirklichkeit noch weitere Wirklichkeiten gibt. Unsere Wahrnehmung umfasst nicht alles, was tatsächlich existiert. Die Quantenphysik beschäftigt sich unter anderem mit solchen Fragen. Doch für unser Leben zählt eben nur unsere Wirklichkeit.
An der Schilderung in Bereshit sind weniger die „Tage“ als vielmehr die Reihenfolge interessant, in der diese Wirklichkeit entstanden ist.
- So beginnt es mit “Es werde Licht”. Die moderne Physik hat gezeigt, dass Licht und die Lichtgeschwindigkeit in unserer Wirklichkeit eine besondere, fundamentale Rolle spielen. Wer hat vor so langer Zeit gewusst, dass unsere Wirklichkeit ausgerechnet mit Licht beginnen muss?
- Danach wurde Erde von Wasser getrennt. Wissenschaftler sagen heute, dass vor vielen, vielen Jahren die ganze Erde von Wasser bedeckt war.
- Nun entsteht die Vegetation. Ohne Land wäre das nicht möglich gewesen.
- Am nächsten “Tag” entstehen Sonne und Mond und damit Tag und Nacht. Es gibt zwar Vegetation, die ohne Licht auskommt, doch für die meisten Pflanzen gilt das nicht.
- Danach werden die ersten Lebewesen erschaffen. Die Aufzählung beginnt mit Meerestieren und Vögeln. Diese Reihenfolge entspricht in wesentlichen Zügen den Erkenntnissen der heutigen Forschung.
- Und am letzten Tag folgen die restlichen Lebewesen: vegetarische, Raubtiere und der Mensch.
Hiermit war die Schöpfung vollendet. Ähnlich wie wir es tun, wenn wir etwas zu Ende gebracht haben, trat G’tt – bildlich gesprochen – einen Schritt zurück, betrachtete sein Werk in Ruhe und aus der Distanz und war damit zufrieden. Er machte eine Pause, nicht weil er müde geworden wäre, sondern weil nichts mehr hinzuzufügen war. Die Welt war vollständig.
Das war der erste Shabbat.
Auf diesen Shabbat bezieht sich die erste und grundlegendste Regel für unseren Shabbat. Sie bedeutet nicht, dass wir an diesem Tag nichts arbeiten dürfen. Vielmehr geht es darum, unsere Wirklichkeit nicht zu verändern, sondern sie bewusst so anzunehmen und wertzuschätzen, wie G’tt sie geschaffen hat.
Es bedeutet also nicht, dass wir nichts tun dürfen. Wir dürfen essen, trinken, spazieren gehen, lernen, miteinander sprechen oder Zeit mit unserer Familie verbringen. Was wir jedoch unterlassen sollen, ist das schöpferische Verändern unserer Umgebung.
Ein einfaches Beispiel: Wir dürfen zwar Wasser erwärmen oder abkühlen, seinen Zustand jedoch nicht in Dampf oder Eis verändern.
Shabbat – zweite Phase
Auf dieser ersten Phase beruhen zwar wichtige Grundgedanken des Shabbats, doch die daraus entstehenden Regeln galten für uns Menschen damals noch nicht.
Es sollten noch viele Jahre vergehen, bis Abraham geboren wurde – jener Abraham, den man aus jüdischer Sicht als den ersten Zionisten bezeichnen kann. Er machte Aliyah, folgte G’ttes Ruf und zog in das Land, das wir heute Israel nennen. Im Hebräischen sagt man dazu: hu ala – „er stieg hinauf“.
Dort hat sich seine Familie vermehrt und ist recht wohlhabend geworden, bis eine landesweite Dürre sie nach einer Einladung aus dem Haus des Pharaos zur Umsiedlung nach Ägypten bewog.
Diese Familie kannte noch keinen Shabbat. Für sie und ihre Zeitgenossen war es ein Tag wie jeder andere: Man stand morgens auf, verrichtete seine täglichen Arbeiten und ging irgendwann müde ins Bett – ein ganz gewöhnlicher Tag.
Noch einschneidender wurde dem so, als die zu einer grossen Gruppe angewachsene hebräische Familie versklavt wurde. Als Sklaven kannten sie keine arbeitsfreien Tage, kaum arbeitsfreie Stunden.
Dies änderte sich erst, als G’tt die hebräischen Sklaven unter der Führung von Moses aus Ägypten befreite. Der Auszug aus der Sklaverei markierte den Beginn eines neuen Abschnitts ihrer Geschichte. Kurz nach dieser Befreiung entstand am Berg Sinai durch die Annahme der Zehn Gebote (wir Juden sagen: durch die Annahme der Torah) das jüdische Volk.
Diesem jüdischen Volk gab G’tt den Shabbat, der bis anhin nur ihm selbst gehört hatte.
Und mit diesem Ereignis wurde der Shabbat – verbunden mit dessen Regelwerk – zu einem jüdischen heiligen Tag. Nach Yom Kippur, der auch als “grosser Shabbat” bezeichnet wird, ist es der heiligste Tag im Judentum.
Shabbat – dritte Phase
Nun folgte eine lange Zeit der Wüstenwanderung, in der das jüdische Volk lernen und verinnerlichen musste, was das am Berg Sinai abgegebene Versprechen im täglichen Leben bedeutet. Dazu gehört auch die sehr offen formulierte Anweisung: „Du sollst den Shabbat heiligen“.
Interessant ist, dass die Torah keine Berichte über private Verstösse gegen diese Regeln, also von Verstössen in den eigenen vier Wänden, enthält. Erwähnt und sehr hart geahndet werden hingegen Verstösse, die öffentlich stattfinden. Öffentliche Regelbrüche würden andere Juden dazu verleiten, diese Regeln ebenfalls zu missachten, bis diese schliesslich ihren verbindlichen Charakter für das ganze Volk verlieren.
Die Regeln des Shabbat wurden während der Wüstenwanderung also weiter präzisiert und konkretisiert.
Dies geschah unter anderem auch während des Baus der Stiftshütte, des “mobilen Tempels”, der das jüdische Volk durch die Wüste begleitete. Am Shabbat durfte an diesem Bau nicht gearbeitet werden.
Daraus leiteten die Rabbiner später die Hauptkategorien der am Shabbat verbotenen schöpferischen Tätigkeiten (die 39 Melachot) ab. Dazu gehören beispielsweise Färben, Nähen, Hämmern und weitere konstruktive Tätigkeiten.
So wurde aus dem Gebot, den Shabbat zu heiligen, ein Regelwerk für das tägliche Leben.
Shabbat heute
Damit verlassen wir die Vergangenheit und wenden uns der Gegenwart zu: Wie wird der Shabbat heute im jüdischen Volk gelebt? Welche Bedeutung hat er für Juden heute noch?
Ich habe hier in Israel eine Handvoll guter Freunde, die sich selbst als vollkommen säkular bezeichnen. Sie tragen keine Kippa, gehen höchstens zu einer Hochzeit in die Synagoge und behaupten von sich, sich um jüdische Vorschriften nicht besonders zu kümmern.
Doch etwas fällt auf: Irgendeine Shabbat-Regel hält jeder von ihnen ein. Einer dieser Freunde ist beispielsweise Kettenraucher, doch am Shabbat raucht er nicht. Andere fahren kein Auto, würden nie zu einer Party gehen oder halten jeden Freitagabend mit ihrer Familie den Kiddush.
Erinnern wir uns noch an die erste und grundlegendste Anweisung der Torah zum Shabbat: „Du sollst den Shabbat heiligen“?
Er soll kein Tag wie jeder andere sein. Er soll sich bewusst von den übrigen Wochentagen unterscheiden. Ich sehe hier, dass selbst vollkommen säkulare Juden dem Shabbat auf ihre eigene Weise einen besonderen Platz in ihrem Leben geben. Im Hebräischen sagt man dazu: Shomer Shabbat – „Hüte den Shabbat“.
Das vollständige Regelwerk für den Shabbat (ich habe es in der Jeshiva selbst gelesen) umfasst zwei Bücher. Es geht auf nahezu jede menschliche Tätigkeit ein: Ob sie erlaubt ist oder nicht, in welchem Zusammenhang sie erlaubt ist und in welchem nicht, und sogar darauf, wie man etwas gegebenenfalls trotzdem ausführen kann, obwohl es an sich untersagt wäre.
Es gibt dabei auch mehrere Unterschiede zwischen sephardischen, aschkenasischen und jemenitischen Interpretationen.
Letztlich behaupte ich, dass mit Ausnahme von Rabbinern kaum ein Jude dieses gesamte Regelwerk kennt und vollständig einhält. Etwas salopp liesse sich sagen: Im täglichen Leben gibt es so viele Arten, den Shabbat zu begehen, wie es jüdische Haushalte gibt.
Doch eines bleibt: Shabbat ist bis heute für nahezu alle Juden ein heiliger Tag geblieben, wie immer sie ihn auch begehen.
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