Mein Kurzurlaub – ich habe ihn gestern erwähnt – neigt sich dem Ende zu und gestern haben wir uns für einen Tagesausflug auf den Mount Hermon entschieden. Das ist eine knapp zweistündige Autofahrt aus Galiläa, wo ich wohne, hinunter ins Jordantal und dann 2’200 Meter bergauf in die Golanhöhen.
Im Sommer fährt man dort auf kurvigen Strassen durch wunderschöne grüne Gebiete und drusische Gemeinden. Die eigentliche Touristensaison ist dort der Winter, wenn sehr viele Israelis hinauf in verschneite Gebiete fahren, doch derzeit sind dort nur wenige Ortfremde unterwegs.
Mein heutiger Artikel wird sich von meinen üblichen News-Artikeln unterscheiden. Einerseits soll er ein lockerer, persönlicher Ausflugsbericht sein, der dieses Gebiet beschreibt, andererseits aber auch einige wichtige Hintergrundinformationen zu dieser Gegend vermitteln.
Inhalt
Zur Geschichte des Golan
Nach dem ersten Weltkrieg und dem Zerfall des osmanischen Reiches wurden die Golanhöhen einem britischen Mandat zugewiesen (1920), die Gebiete nördlich und nordöstlich davon einem französischen. Grossbritannien erhielt dabei den Auftrag, in seinem Mandatsgebiet eine “nationale Heimat für das jüdische Volk” einzurichten, Frankreich erhielt keinen bestimmten Auftrag.
Drei Jahre später einigten sich Grossbritannien und Frankreich auf eine neue Grenzziehung, durch welche die Golanhöhen dem französischen Mandatsgebiet zugeschlagen wurden. Internationales Recht deckt einen solchen Handel eigentlich nicht ab, da beide Mächte zwar ein Mandat innehatten, ihnen dieses Land jedoch nicht gehörte.
Mit dem Ende des französischen Mandats 1946 gingen die Golanhöhen in syrischen Besitz über.
Zwei Jahre später, 1948, endete das britische Mandat und auch Israel erhielt seine Selbstständigkeit.
In der Folge wurde Israel wiederholt von Syrien angegriffen. Die jüdischen Dörfer und Städte im nördlichen Jordantal waren einem syrischen Dauerbeschuss aus den Golanhöhen ausgesetzt. Als 1967 der Krieg mit den arabischen Nachbarstaaten ausbrach, eroberte Israel – wider alles Erwarten – diese Höhen und vertrieb die syrische Armee.
1981 hat Israel dieses Gebiet dann formell annektiert. Die Grenze zu Syrien verläuft seither auf der Spitze dieses Gebirgszuges. International wird das kaum anerkannt, doch 2019 haben zumindest die USA die israelische Souveränität über den westlichen Teil des Golans anerkannt.
Dieses Video zeigt die militärisch bewachte Grenze auf der Bergspitze – derzeit ist es dort ruhig und es war nur wenig Militär zu sehen – und die drusischen Gebiete in Syrien.
Die Bevölkerung des Golan
Die ersten jüdischen Siedlungen der Neuzeit in den Golanhöhen entstanden um 1900, ab 1920 wurden sie jedoch schrittweise wieder aufgegeben.
Nachdem das Gebiet Syrien zugeteilt worden ist, also ab 1946, lebten im südlichen Teil vorallem syrische Araber, im nördlichen Teil mehrheitlich syrische Drusen. Als gemeinsame Sprache wurden arabische Dialekte gesprochen.
Nachdem Israel den Gebirgszug (zurück-)erobert hatte, also 1967, verliess der grösste Teil der arabischen Bevölkerung den südlichen Golan und es bildeten sich jüdische Gemeinden. Die grösste Stadt dort ist heute Katzrin mit knapp 10’000 Bewohnern. International bekannt sind vor allem die qualitativ hochstehenden Weine (z.B. Yarden, Gamla und Hermon) aus den Rebbergen dieser Gegend.
Im nördlichen Teil hat sich wenig verändert: Die allermeisten Drusen sind dort geblieben. Ihnen wurde die israelische Staatsbüprgerschaft angeboten, doch vorerst haben nur wenige diese angenommen. Dies wohl vorallem deshalb, weil sie dem Zustand nicht so recht trauten und befürchteten bald wieder zu Syrien zu gehören. In den letzten Jahren hat sich das jedoch geändert und mehr und mehr Drusen nehmen die israelische Staatsbürgerschaft an.
Da ich jedoch über unseren gestrigen Tagesausflug berichte, werde ich mich im Folgenden auf den nördlichen Golan konzentrieren.
Wer sind die Drusen?

Oft werden Drusen als Araber bezeichnet, doch entsprechend der Definition des Begriffes “Volk” würde ich dem widersprechen: Sie sind ein eigenes Volk. In diesem Sinne vergleichbar mit Kurden, Jesiden und auch Juden dieser Region.
Das Foto zeigt einen traditionell gekleideten religiösen Drusen. Die meisten Drusen sind an ihrem Äusseren jedoch nicht als solche zu erkennen.
Drusen haben eine eigene Religion, die ursprünglich auf dem Islam basiert, sich aber bereits sehr früh davon abgespalten hat. Die Details ihrer Religion werden geheim gehalten und sind nur einem eingeweihten Teil ihrer Gemeinschaft vollständig zugänglich. Gegenüber Aussenstehenden werden sie grundsätzlich nicht offengelegt.
Auch was Eheschliessungen angeht, vermischen sie sich kaum mit anderen Völkern: Sie heiraten fast ausschliesslich unter sich.
Was mir bei unserem Ausflug besonders aufgefallen ist, ist die Sauberkeit in ihrer Region. Nirgends ist mir eine Umweltverschmutzung aufgefallen, alles ist sauber und ordentlich. Wäre nicht das Klima, könnte man sich fast wie in der Schweiz fühlen 😊. Wer Israel schon bereist hat, wird erkannt haben, dass das nicht unbedingt eine israelische Stärke ist, schon gar nicht in arabischen Gebieten. Wir haben bei den Drusen Nachholbedarf!
Da wir nicht bloss auf den Hauptstrassen unterwegs waren, sondern auch einige Abstecher gemacht haben, musste ich oft nach dem Weg fragen. Sehr einfach war das nicht immer, denn Drusen sprechen von Haus aus Arabisch, nicht Hebräisch. Doch in allen Gesprächen ist mir die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft und oft auch der Humor aufgefallen. Ich sage also ganz kurz und deutlich: “Ich mag die Drusen sehr!”
Dazu ein kleines Erlebnis:
Als wir nach einer langen Fahrt oben auf dem Hermon angekommen waren, waren wir hungrig und ich bestellte an einem Stand eine Pizza. Bedient wurde ich von einem jungen Mädchen. Da kaum Leute da waren, sie sonst nichts zu tun hatte und während die Pizza im Ofen lag, kamen wir ins Gespräch – wir beide in unserem recht eingeschränkten Hebräisch.
Zuerst fragte ich sie, ob sie Jüdin oder Drusin sei. „Drusin“, sagte sie. Etwas später fragte ich sie nach ihrem Namen. “Nur” sagte sie und lächelte. Natürlich stellte auch ich mich vor: “Naim meod, ani Ze’ev” und hängte dann ein Wortspiel an (Ze’ev bedeutet Wolf): “…und der Wolf braucht jetzt ein Bier”
Dann ich musste schmunzeln und sagte: „Das ist lustig. Auf Hebräisch wäre Nur ein Männername. Ein Mädchen würde Nurit heissen“
Sie lachte. Inzwischen war auch ihre Mutter dazugetreten.
Also setzte ich noch einen drauf: „Da haben wir ja Glück gehabt! Hätten wir, du und ich, geheiratet, hätten meine Freunde alle gedacht, ich hätte einen Mann geheiratet – und keiner wäre zu unserer Hochzeit gekommen.“
Da haben beide lauthals gelacht. ☺️
Anmerkung ⇒ Im Hebräischen gibt es, wie auch im Englischen, keine Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ als Höflichkeitsform. Man spricht sich generell mit dem Vornamen an.
Für die Drusen im nördlichen Golan ist die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. Bei unserer Fahrt durch die drusischen Gebiete sind uns überall grosse und gut gepflegte Obstplantagen aufgefallen. Angebaut werden insbesondere Äpfel und Kirschen, aber auch anderes Obst. Für viele Familien ist dies die Lebensgrundlage.
Wo leben die Drusen?

Die drusischen Gebiete verteilen sich auf vier Staaten: Syrien. Libanon, Israel und Jordanien.
In Israel sind das die Hügelgebiete von Carmel (bei Haifa) und Galiläa (meinem Wohngebiet) und die nördlichen Golanhöhen, von denen ich hier berichte.
In Syrien die östlich an den Golan angrenzenden Gebiete und ein weiteres südlich an der Grenze (leicht überlappend) zu Jordanien.
In Libanon ein Gebiet zwichen dem Golan und Beirut.
Drusen gliedern sich traditionsgemäss sehr gut in ihre Länder ein, bleiben jedoch eigenständig. In letzter Zeit ist das jedoch in Bewegung geraten. Infolge einer zunehmenden islamischen Gewalt – der Hizbollah in Libanon und dschihadistischen Gruppen und Teilen der Armee in Syrien – ergeben sich Probleme.
In Syrien sprechen mehrere drusische Gemeinden von einem Genozidversuch an ihren Einwohnern. Berichte, Fotos und Videos dokumentieren schwere Gewalttaten an der drusischen Bevölkerung. In Libanon gelingt es den drusischen Gemeinden kaum mehr, sich aus dem Konflikt zwischen den Schiiten (rund 30%) und dem Rest der Bevölkerung herauszuhalten.
In Syrien ist Israel den Drusen zu Hilfe geeilt und hat Lebensmittel und medizinische Hilfe geliefert und Soldaten zum Schutz stationiert. Bereits mehrmals hat die IDF israelische Drusen davon abhalten müssen, ihren Brüdern und Schwestern in Syrien aus Solidarität zu Hilfe zu eilen. Wiederholt gibt es drusische Demonstrationen, bei welchen die Drusen einen Anschluss an Israel fordern. Ich habe vorgestern über eine davon berichtet.
In Israel sind die Drusen sehr gut in den Staat integriert. Auch unter den Drusen des Golan wird, wie bereits erwähnt, in den letzten Jahren vermehrt die israelische Staatsbürgerschaft beantragt. Viele dienen in der Armee und bei der Polizei und geniessen dort einen hervorragenden Ruf. Sie gelten als engagiert, mutig und zuverlässig und übernehmen oft verantwortungsvolle Aufgaben, auch in höheren Rängen.
Unser Tag auf dem Hermon

Dass man im Winter dort Skifahren geht, ist wohl weitum bekannt. Oben sahen wir die Skilifte und viele parkierte Pistenfahrzeuge, doch … naja … als Schweizer und passionierter Skifahrer … was soll ich dazu sagen?
Ich würde sagen: Man steht unten am Skilift wieder an, bevor die Skischuhe mit den Skiern zusammengewachsen sind.
Doch auch im Sommer lohnt sich der Ausflug. Speziell für Leute wir mich, die ich lieber etwas Stille geniessen als ein Menschengedränge.
Speziell an heissen Sommertagen ist die kühlere Luft in 2’000 Metern Höhe sehr angenehm.
Mit der Gondel fährt man hinauf in die karge Berglandschaft, kann dort spazieren, die Aussicht geniessen und weit über den israelischen Golan und bis tief nach Syrien sehen.
Viel mehr muss man eigentlich gar nicht tun. Es ist die Landschaft selbst, wegen der sich die Fahrt lohnt.

Grosse Teile sind militärisches Sperrgebiet. Tafeln weisen darauf hin und man muss damit rechnen, von einem Soldaten angesprochen zu werden. Insbesondere wenn man dort fotografiert.
Auch ich wurde von einem vorbeifahrenden Soldaten angehalten, doch das war völlig problemlos. Wir haben uns dann gegenseitig einen schönen Tag gewünscht und “bye” gesagt.
Es ist sicher hilfreich, wenn man ein bisschen Hebräisch spricht.
Ansonsten hat es dort zwei kleine Teiche, in denen man jedoch (leider 😭) nicht baden kann, und ein paar Freizeitangebote, wie in diesem Video zu sehen.
Auf dem Heimweg haben wir ein paar Abstecher gemacht, unter anderem zum See “Ram” bei Mas’ade, an dessen Ufer viele Fischer standen. Ein sehr ruhiges und friedliches Bild zum Abschied vom Golan.
(Die Batterien des Handys meiner Frau waren bereits fast leergelaufen…)
Goodbye Golan – you’ll see us again!
Und hiermit: Shabbat Shalom!
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