Judentum und Erinnerungskultur

Als Jude verfolge ich oft Diskussionen über Antisemitismus. Dabei begegnet mir immer wieder der Begriff: “Erinnerungskultur“. Besonders ausgeprägt ist das in Deutschland.

Wer sich gegen Antisemitismus einsetzen will, der pflege gefälligst die Erinnerung an die Shoah. Wer diese Erinnerungskultur ablehnt oder kritisch hinterfragt, gerät in den Verdacht, rechtsextrem und antisemitisch zu sein.

Mit dieser Argumentation habe ich ein Problem: Ist wirklich judenfreundlich, wer sich an den Holocaust erinnert und sich angemessen für seine Grosseltern schämt – und ist automatisch antisemitisch, wer nichts vom Holocaust weiss?

Und was hat diese Erinnerungskultur mit den heute lebenden Juden zu tun? Und was sagt sie über die Haltung gegenüber Juden aus?

Inhalt


Was bedeutet “Erinnerungskultur“?

Erinnerungskultur für Nichtjuden

Nichtjuden verstehen unter diesem Begriff in diesem Kontext zumeist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an Hitler, an die NSDAP und an den Holocaust. Oft ist diese Erinnerung, insbesondere bei Deutschen, mit einem schlechten Gewissen und mit Scham verbunden: Man schämt sich für die Vergangenheit, man schämt sich für längst verstorbene Menschen.

Man erinnert sich dabei an Juden als die Opfer einer verbrecherischen Politik in der Vergangenheit – leider wird dabei weit seltener gefragt, welche Rolle die eigenen Eltern oder Grosseltern damals eigentlich spielten.

Ein weiterer Ausdruck, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, lautet: “Aus der Vergangenheit lernen”

Doch wie kann man aus der Vergangenheit lernen, wenn man sich mit lauter unschuldigen Opfern beschäftigt – anstatt mit den Tätern, die das Geschehen verursacht haben?

Erinnerungskultur für Juden

Im Judentum hat Erinnerung einen sehr hohen Stellenwert. Wir erinnern uns an Ereignisse und Geschichten, die Jahrtausende zurückliegen, und halten diese Erinnerungen stets wach.

Wir tun dies nicht, um in der Vergangenheit zu leben oder Schuldige zu suchen, sondern wir vergleichen diese Erzählungen mit aktuellen Entwicklungen und suchen bewusst nach Parallelen. Uns ist es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen, um nicht alte Fehler zu wiederholen.

Juden wird oft vorgeworfen, aus dem Holocaust politisch oder gesellschaftlich Kapital schlagen zu wollen. Dieser Vorwurf wird damit begründet, dass wir immer wieder auf den Holocaust verweisen.

Natürlich gibt es Juden – ebenso wie Nichtjuden –, die tatsächlich versuchen, aus dem Holocaust politisches, gesellschaftliches oder finanzielles Kapital zu schlagen. Ich halte das für pietätlos und, ehrlich gesagt, ekelhaft. Ich verurteile es vehement. Doch der Missbrauch der Erinnerung darf nicht mit der Erinnerung selbst verwechselt werden.

Denn wir Juden erinnern nicht an den Holocaust, um jemanden dafür zu beschuldigen, sondern um daraus zu lernen – und andere dazu aufzufordern, dasselbe zu tun.

Wir alle sollten Parallelen zwischen früheren Ereignissen und heutigen Entwicklungen rechtzeitig erkennen, damit sich Vergleichbares nicht wiederholt.

Erinnerungskultur und Wiedergutmachung

Bei aller Kritik an der deutschen Erinnerungskultur müssen wir Deutschland eines zugutehalten: Es hat es nicht beim Erinnern belassen.

Deutschland hat nach dem Krieg Verantwortung übernommen und versucht, wenigstens einen Teil des angerichteten Schadens wiedergutzumachen. Es leistet bis heute Entschädigungen an jüdische Holocaustüberlebende und unterstützte den jungen Staat Israel. Bis heute besteht eine besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel.


Doch Deutschland war keineswegs das einzige Land, in dem Juden verfolgt, deportiert, ausgeliefert oder im Stich gelassen wurden. In zahlreichen Ländern beteiligten sich einheimische Behörden und Helfer an Verfolgung, Deportation und Mord. In Osteuropa wirkten lokale Hilfskräfte unmittelbar an Massenerschiessungen mit und stellten einen erheblichen Teil des Wachpersonals in den Vernichtungslagern, während etwa das Vichy-Regime in Frankreich Juden verhaften und deportieren liess.

Auch Länder, die damals gegen das NS-Regime kämpften, haben Schuld auf sich geladen. So verweigerten die USA jüdischen Flüchtlingen die Aufnahme. Grossbritannien nahm zwar mit den Kindertransporten jüdische Flüchtlinge auf, beschränkte aber gleichzeitig die Flucht nach Palästina, schickte Flüchtlinge nach Deutschland zurück und internierte mehr als 50’000 jüdische Flüchtlinge.

Es gab nur wenige bemerkenswerte Ausnahmen:

  • Albanien: Die Bevölkerung verweigerte weitgehend die Auslieferung der Juden und versteckte jüdische Flüchtlinge. Am Kriegsende lebten dort mehr Juden als zuvor.
  • Dänemark: Rund 7’200 der etwa 8’000 Juden des Landes wurden in einer grossen Rettungsaktion ins neutrale Schweden gebracht.
  • Bulgarien: Die Deportation der rund 50’000 Juden des bulgarischen Kernlandes wurde verhindert – allerdings deportierten bulgarische Behörden mehr als 11’000 Juden aus den von Bulgarien besetzten Gebieten. Sie wurden danach fast alle ermordet.
  • Italien: Trotz faschistischer Herrschaft und antisemitischer Gesetze versteckten viele Italiener Juden und retteten ihnen damit das Leben. Der grösste Teil der italienischen Juden überlebte den Holocaust.
  • Schweiz: Die Schweiz schützte ihre jüdische Bevölkerung und nahm zahlreiche jüdische Flüchtlinge auf – deutlich mehr, als an der Grenze abgewiesen wurden. Zwar wurden auch jüdische Flüchtlinge zurückgewiesen, doch für viele andere wurde die Schweiz zum sicheren Zufluchtsort.

Bei der Wiedergutmachung stellt sich also eine andere Frage: Weshalb eigentlich nur Deutschland?


Der Begriff “Wiedergutmachung” ist bei einem Verbrechen wie dem Holocaust ohnehin problematisch. Was soll wieder gut gemacht werden?

Ermordete Menschen können nicht wieder zum Leben erweckt werden. Verlorene Lebensjahre können nicht zurückgegeben, zerstörte Familien nicht wiederhergestellt und erlittenes Leid nicht ungeschehen gemacht werden.

Doch auch: Ist der Holocaust denn das einzige Ereignis, das “wieder gut gemacht” werden sollte? Ist das jüdische Volk das einzige Volk, dem gegenüber etwas aus der Vergangenheit wieder “gut gemacht” werden sollte?

Die Geschichte der Menschheit besteht nicht nur aus dem Holocaust. Sie ist geprägt von Eroberungen und Vertreibungen, Kolonialisierung und Sklavenhaltung, Zwangsmissionierung und religiöser Verfolgung. Ganze Völker wurden unterworfen, ihrer Heimat beraubt oder ausgelöscht.

Fast jedes Volk war im Laufe seiner Geschichte irgendwann Opfer – und viele waren zu anderen Zeiten selbst Täter.

Wenn vergangenes Unrecht heute “wiedergutgemacht” werden soll, stellt sich deshalb die Frage: Wie weit zurück wollen wir gehen – und wer schuldet heute wem etwas?

Die Brücke zur Gegenwart

Doch kehren wir zu meiner ursprünglichen Frage zurück: Wem hilft diese Erinnerungskultur – und wie?

Den ermordeten Juden kann sie nicht mehr helfen. Den Holocaustüberlebenden kann sie Anerkennung geben und dazu beitragen, dass ihr erlittenes Unrecht nicht vergessen wird. Dem jüdischen Volk kann sie die Genugtuung geben, dass an diesen Teil seiner Geschichte erinnert wird.

Das sind zwar wichtige moralische und emotionale Aspekte. Doch was bewirken sie im praktischen Leben?


Der Holocaust war bei weitem nicht das einzige dramatische Ereignis, das unserem Volk widerfahren ist.

Verfolgungen, Vertreibungen und Pogrome begleiten die jüdische Geschichte seit Jahrhunderten, besonders stark in Europa. Und der Holocaust entstand nicht aus dem Nichts.

Wird dieser Teil unserer Geschichte ebenfalls erkannt? Und werden daraus Konsequenzen gezogen?

Wer aus der Geschichte lernen will, kann nicht ein einzelnes Ereignis herauspicken und alle anderen ignorieren. Er muss die Zusammenhänge erkennen und die Umstände, die dazu geführt haben.

Das Problem dabei: Diese Geschichte ist komplex. Sie zu verstehen, wäre ein Schulfach für sich: “Die Geschichte der Juden”.

Was aber, wenn wir all das an dieser Stelle beiseitelassen, es Historikern und dem jüdischen Volk selbst überlassen – und uns stattdessen auf Gegenwart und Zukunft konzentrieren?

Eine Zukunft ohne Erinnerungskultur?

Semitismus ohne Erinnerungskultur

Was ist das Gegenteil von Antisemitismus? Zwei Verneinungen (Anti-Antisemitismus) heben sich auf. Das Gegenteil von Antisemitismus müsste demnach “Semitismus” sein.

Einen “Semitismus” in diesem Sinne gibt es als etablierten Begriff nicht. Doch für unsere Überlegung ist er nützlich: Wie sähe eine neutrale Haltung gegenüber Juden aus, wenn wir dafür keine Erinnerung an den Holocaust heranziehen?

Dazu wäre es zunächst wichtig, das Wesen des Antisemitismus zu erfassen. Darüber habe ich vor längerer Zeit einen eigenen Artikel verfasst: “Was ist Antisemitismus und woher kommt er?”. Die Kernaussage dieser Abhandlung ist, dass das jüdische Volk, für dessen Kultur die persönliche Freiheit ein wesentlicher Grundwert ist, automatisch zum natürlichen Feind jedes autoritären Gebildes werden muss.

Inwiefern folgt aus dieser Erkenntnis, dass ein Kampf gegen (allzu) autoritäre Systeme implizit auch ein Kampf gegen Antisemitismus ist? Wie weit stellt sich jemand, der sich derart engagiert, automatisch an die Seite des jüdischen Volkes?

Dazu müsste ein Mensch weder etwas über den Holocaust noch über das Judentum wissen. Er muss keinen einzigen Juden kennen und sich auch nicht bewusst für das jüdische Volk einsetzen.

Wer Freiheit und Eigenverantwortung verteidigt und sich autoritären Strukturen widersetzt, steht bereits an der Seite des jüdischen Volkes!


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One thought on “Judentum und Erinnerungskultur

  1. > Ermordete Menschen können nicht wieder zum Leben erweckt werden…..

    Nein, können sie nicht, und doch gibt es so etwas wie “tätige Reue”, eine Umkehr die es nicht bei leeren Worten beläßt sondern die Worte mit Taten untermauert. “Operation Sühnezeichen” ist so etwas, und die Freiwilligen aus Deutschland (und von anderswo) die heute auf Israelischen Äckern helfen belassen es auch nicht nur bei leeren Worten sondern packen mit an und helfen. Der Schaden der dem Jüdischen Volk zugefügt wurde läßt sich nicht “wieder gut machen”, sachlich unmöglich, und doch ist eine Reue die mit Handlungen untermauert wird mehr wert als hohle Phrasen.

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