E1 – Ein kleines Gebiet mit grosser Bedeutung

Übersicht

  • Rot: E1 (geplante Bebauung)
  • Blau: Israelische Ortschaften
  • Okker: “Palästinensische Gebiete”
  • Gestrichelt: Waffenstillstandslinie von 1967
  • Strich-Punkt: Stadtgrenze Jerusalem
  • Weiss: Wichtige Strassen

E1– kein anderes Gebiet im ehemaligen Westjordanland sorgt derzeit international für derart heftige Reaktionen.

Seit Jahrzehnten plant Israel die Bebauung dieses derzeit unbebauten Gebietes in der judäischen Wüste zwischen Jerusalem (1.2 Mio Einwohner) und Ma’ale Adumim (40’000 Einwohner) am Weg zum Toten Meer. Kritiker warnen, damit werde “das Westjordanland geteilt” und ein “zukünftiger palästinensischer Staat praktisch verunmöglicht”.

Doch in Wirklichkeit geht es dabei nicht um diese Baupläne, sondern darum, ob dieses Gebiet jüdisch oder arabisch bewohnt sein soll: E1 ist ein Politikum, ein entscheidender Anlass für politischen und wirtschaftlichen Druck auf Israel und steht in direktem Zusammenhang mit Forderungen nach weiteren “siedlungsfeindlichen” Sanktionen und Boykotten.

Doch was ist E1 überhaupt? Warum ist dieses kleine Gebiet so wichtig – für Israel ebenso wie für die Palästinenser? Und was würde eine Bebauung tatsächlich verändern?

Inhalt


Das Seilziehen um diese Region

Diese Karte zeigt die Region, in welcher das Gebiet E1 liegt: südlich der Autobahn “1” (rot markiert) zwischen Jerusalem und Ma’ale Adumim.

Wer schon von Jerusalem ans Tote Meer gefahren ist, kennt diese Autobahn. Etwa in der Mitte der Strecke ist man bereits von 750 auf 0 Meter über Meer hinunter gefahren (die Stelle ist gut markiert), danach geht’s weitere rund 450 Meter hinunter ans Meer. Unterwegs kann man links nach Jericho abbiegen, etwas, das man als Israeli oder erkennbarer Jude besser unterlässt, denn immer wieder muss die IDF Menschen retten, die sich dort in Lebensgefahr gebracht haben.

Die Strasse – erst Autobahn, später normale Strasse – führt etwa eine halbe Stunde durch die judäische Wüste und wird von Israelis und Palästinensern benutzt. Nahe bei Jerusalem befindet sich ein Checkpoint, wo stets kontrolliert wird, wer nach Jerusalem hineinfahren will. Die Strasse selbst kann jedoch ziemlich ungefährdet benutzt werden.

Links und rechts dieser Strasse sieht man oft beduinische Siedlungen, hie und da auch Schafe auf der Autobahn.

Beduinen sind traditionell ein Wandervolk und viele dieser Siedlungen bestehen aus einfachen, mobilen Zeltlagern.


Eine dieser Siedlungen hat es zu internationaler Bekanntheit gebracht: Khan al-Ahmar.

Diese Siedlung liegt in Area C – also unter israelischer Verwaltung – und wurde trotz fehlender israelischer Bewilligung mit technischer und finanzieller Unterstützung aus Europa errichtet.

Hier zeigt sich erneut ein für die europäische Haltung gegenüber Israel typischer Widerspruch: Illegale Bauten würden in Europa sofort abgerissen, in israelisch verwaltetem Gebiet werden sie jedoch unterstützt.

Vor dem israelischen Obersten Gericht wird seit 2009 in teuren Verfahren erfolglos gegen Abrissverfügungen vorgegangen. 2018 hat das Gericht schliesslich endgültig den Abbruch gefordert. Dennoch wurde die Räumung aufgrund eines erheblichen internationalen Drucks bis heute nicht vollzogen. Im Mai 2026 ordnete Minister Smotrich nun erneut an, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen und das gerichtlich angeordnete Räumungsverfahren endlich umzusetzen.


Doch bei Khan al-Ahmar geht es nicht um diese eine Siedlung. Sie steht exemplarisch für einen weit grösseren politischen Konflikt: den sogenannten Fayyad Plan, mit dem die Palästinensische Autonomiebehörde seit 2009 gezielt staatliche Strukturen und palästinensische Präsenz auch in Area C aufbauen will.

Dieser Plan wird von Europa unterstützt, obwohl die damit betriebene Bautätigkeit in Area C ohne israelische Bewilligung den geltenden Zuständigkeitsregelungen der Oslo-Abkommen widerspricht.

E1 und Khan al-Ahmar zeigen den Kern des politischen Seilziehens um diese Region zwischen Israel einerseits – südlich der Autobahn 1 – und den Palästinensern, der EU und vielen europäischen Ländern andererseits – nördlich dieser Autobahn.

Die geografische Bedeutung von E1

E1 verunmögliche die Bildung eines zusammenhängenden “palästinensischen Staates”, wird kritisiert. Stimmt das?

Diese Karte zeigt die gesamte ehemalige Westbank. Eingezeichnet sind Jerusalem und Ma’ale Adumim mit der rot gekennzeichneten Area E1.

Und sogleich sehen wir, dass von einer geografischen Zweiteilung dieses Gebietes durch E1 nicht die Rede sein kann: E1 bildet keinen Riegel, der das Westjordanland von Westen nach Osten durchschneidet.

Unabhängig davon, dass Gaza und Judäa ohnehin nicht miteinander verbunden sind, bleibt eine Verbindung zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des ehemaligen Westjordanlands bestehen.

Allerdings besteht in diesem Gebiet zwischen Ramallah und Bethlehem heute keine gut ausgebaute direkte Strassenverbindung.

Israel hat kein Interesse daran, die beiden „palästinensischen“ Städte Ramallah und Bethlehem durch eine gut ausgebaute Nord-Süd-Verbindung miteinander zu verbinden. Doch auch bei der P.A. und den westlichen Staaten, die die Palästinenser finanziell und operationell unterstützen, scheint eine solche Verbindung keine hohe Priorität zu haben. Andernfalls hätten sie wesentlich mehr politischen Druck für deren Realisierung ausgeübt.

Was E1 hingegen erschwert, ist der direkte territoriale Zugang zu Jerusalem – jener Stadt, welche die Palästinenser als Hauptstadt ihres zukünftigen Staates beanspruchen.

Mit Jerusalem geht es nun nicht um irgendeine beliebige Stadt in der Region. Es ist das Herzstück des jüdischen Kernlandes. Den historischen und religiösen Zusammenhang habe ich bereits im Artikel „Europas Handelskrieg gegen israelische ‚Siedlungen‘“ beschrieben.

Beim Widerstand gegen E1 geht es somit weder um ein paar Häuser in der Wüste noch um eine „Zweiteilung“ von Judäa und Samaria, sondern um die Frage, ob das Herzstück des jüdischen Volkes, die Altstadt von Jerusalem mit dem Tempelberg, erneut – wie zur Zeit der jordanischen Besetzung – von Juden ethnisch gesäubert werden soll.

Der aktuelle Stand der Planung

Jahrzehntelang lagen die Pläne für E1 praktisch auf Eis. Zwar wurde immer wieder geplant und genehmigt, doch unter erheblichem internationalem Druck scheuten verschiedene israelische Regierungen vor der tatsächlichen Umsetzung zurück.

Das hat sich inzwischen geändert. Vor allem Finanzminister Bezalel Smotrich, der zugleich weitreichende Zuständigkeiten für die Verwaltung und Siedlungsentwicklung in Judäa und Samaria besitzt, treibt die Umsetzung von E1 mit Nachdruck voran. Israel braucht dringend Wohnraum für die zunehmend mehr Juden, die aus der Diaspora nach Israel fliehen.

Smotrichs Ziel ist kein Geheimnis: Er will die Entstehung eines palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt verhindern. Zudem ist die Überbevölkerung der israelischen Mittelmeerküste ein Problem und neuer Wohnraum und Arbeitsplätze sollen vermehrt in der Negev, im Norden und in Judäa und Shomron bereitgestellt werden.

Am 18. August 2026 wurde schliesslich die offizielle Ausschreibung für 1’234 Wohnungen eröffnet. Sie sind Teil der insgesamt 3’401 vorgesehenen Wohneinheiten. Damit bewegt sich E1 von einem jahrzehntelang diskutierten Plan in Richtung konkreter Umsetzung. Die Angebotsfrist läuft bis zum 19. Oktober 2026 – acht Tage vor den für den 27. Oktober angesetzten Knessetwahlen.

Wie reagiert das Ausland?

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Bereits einen Tag nach Veröffentlichung der Ausschreibung verurteilte Grossbritannien den Schritt scharf, bestellte den israelischen Geschäftsträger ein und forderte Israel auf, die Ausschreibung zurückzuziehen. Gleichzeitig kündigte London weitere Massnahmen und mögliche Sanktionen an.

Einen Tag später folgte eine gemeinsame Erklärung zahlreicher weiterer westlicher Staaten und der Europäischen Kommission. Darin werden sogar Unternehmen ausdrücklich davor gewarnt, sich an der Ausschreibung zu beteiligen.

Die EU begründet ihren Widerstand dabei ausgerechnet mit jener Behauptung, die wir im vorherigen Kapitel widerlegt haben: E1 würde das Westjordanland „zweiteilen“.

Israel seinerseits macht deutlich, dass es weitere Sanktionen nicht einfach hinnehmen wird. Aussenminister Gideon Sa’ar reagierte ungewöhnlich scharf auf die britischen Ankündigungen. Sollte Grossbritannien Massnahmen gegen Israel ergreifen, werde Israel seinerseits gegen Grossbritannien vorgehen. Israel habe dafür entsprechende Mittel und bereite sich bereits auf eine Reaktion vor. Welche Gegenmassnahmen konkret vorgesehen sind, liess Sa’ar offen.

Europa spielt ein riskantes Spiel: Es droht Israel mit Sanktionen – und rüstet sich gleichzeitig mit israelischen Waffensystemen gegen eine russische Bedrohung.


Ob internationaler Druck und Sanktionen die Verwirklichung von E1 verhindern können, ist offen. Vorerst wird erst geplant, und dies nicht zum ersten Mal. Wird Israel sich dem internationalen Druck beugen oder wird es seinen Weg selbstbewusst und unbeirrt weitergehen?

Wir stehen jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe, nur wenige Wochen vor den Wahlen. In israelischen Medien ist von einer starken israelischen Opposition gegen E1 bislang jedenfalls kaum etwas zu sehen.

Nach der neuen Regierungsbildung wird sich zeigen, wie das nach abgeschlossener Ausschreibung weitergeht…


👆 top 👆

Weitere Informationen, Hintergrundartikel sowie die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Lesern findet ihr im Forum von Hasbara.news.

Hasbara.news lebt davon, dass seine Artikel weiterverbreitet werden.

Wenn ihr einen Artikel interessant oder wichtig findet, teilt ihn mit Freunden oder in euren sozialen Netzwerken und Gruppen – am einfachsten mit dem blauen Share-Button oben rechts. Jede Weiterempfehlung hilft, neue Leser zu erreichen.

55

2 thoughts on “E1 – Ein kleines Gebiet mit grosser Bedeutung

  1. Ich finde es krass, daß sich das Ausland in die inneren Angelgenheiten eines anderen Staates einmischt. Es gibt überall umstrittene Bauvorhaben, heute läßt sich in Europa praktisch nirgends mehr einen neue Straße anlegen ohne daß es Proteste gibt. Das ist so, als ob Dänemark bei dem Ausbau deutscher Autobahnen mitmischen würde. Unglaublich.

    1. Judenphobie, Israelphobie…

      Früher wurden wir durch die Welt gejagt, weil wir in Staaten lebten, in denen wir als schwach und fremd wahrgenommen worden sind – heute sollen wir aus unserem Heimatland vertrieben werden, weil wir dort stark und zuhause sind.

      Auch: In Europa freut man sich, dass in der deutschen Hauptstadt eine Mauer gefallen ist – von Israel wird geforfert, dass es in seiner Hauptstadt eine baut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert