Wohl die meisten Menschen kennen die Zehn Gebote aus der Bibel. Viele sind deshalb überrascht, wenn sie erfahren, dass unsere Torah insgesamt 613 Mitzwot (Gebote und Verbote) enthält.
Dann werden wir Juden oft gefragt: Warum braucht ihr 613 Gebote? Reichen 10 nicht aus?
Und oft folgt gleich die nächste Frage: Wie könnt ihr euch als freies Volk fühlen, wenn ihr euch an derart viele Vorschriften halten müsst?
Doch bevor wir uns weiter in diese Fragen vertiefen, möchte ich dich auf eine kleine Gedankenreise mitnehmen.
Stell dir vor, du wirst von einer chinesischen Familie zum Abendessen eingeladen. Du bist höflich, bringst vielleicht ein kleines Geschenk mit und freust dich auf einen schönen Abend. Doch du warst noch nie zu einem solchen Anlass eingeladen und kennst die Tischregeln nicht.
Schon nach wenigen Minuten wirst du merken, dass du unsicher wirst: Wie verhält man sich als Gast an einem solchen Tisch?
- Bist du überhaupt richtig gekleidet? Overdressed oder underdressed?
- Wann und wo setzt man sich?
- Wartet man, bis der Gastgeber mit dem Essen beginnt?
- Isst man die Suppe mit dem Löffel oder darf man auch direkt aus der Schale trinken?
- Was isst man mit den Essstäbchen und was mit der Hand?
- Darf man beide Hände benutzen oder gilt dafür eine bestimmte Regel?
- Darf man sich selbst nachschöpfen?
- Welche Themen sind am Tisch tabu?
- Was darf zwar der Gastgeber oder der Älteste sagen, andere jedoch nicht?
- Wer schenkt den Tee ein?
Vermutlich wirst du in dieser Situation feststellen, dass dich die Unkenntnis dieser Regeln nicht befreit, sondern einengt. Anstatt den Abend unbeschwert zu geniessen, wirst du ständig daran zweifeln, ob du dich richtig verhältst.
Ganz ähnlich verhält es sich mit der Halacha.
Wie bei diesen ungeschriebenen Tischregeln gibt es auch für die Halacha kein Gesetzbuch, wie wir es aus modernen Rechtsstaaten kennen. Was einem solchen Gesetzbuch am nächsten kommt, ist der Schulchan Aruch. Er fasst einen grossen Teil der Halacha systematisch zusammen.
Doch auch dieser ist nicht das letzte Wort. Laufend werden neue Fragestellungen durch rabbinische Entscheidungen auf der Grundlage der bestehenden Halacha beantwortet und in Kommentaren sowie Responsen festgehalten.
Inhalt
Von den 613 Mitzwot zur Halacha
Die 613 Mitzwot beruhen alle auf der Torah, den fünf Büchern Moses. Einige sind explizit so festgehalten (“Du sollst…”, “Du sollst nicht…”), andere ergeben sich aus dem Kontext.
Nicht alle zählen diese Mitzwot gleich, am bekanntesten und kaum umstritten ist jedoch die Identifikation und Zählung, wie sie Maimonides (Rambam) in 12ten Jahrhundert in seinen Werken niedergeschrieben hat. Viele seiner Schriften sind im Talmud *) enthalten.
*) Genau genommen müsste man vom babylonischen Talmud sprechen, denn es gibt zwei Talmudim: den babylonischen und den jerusalemischen. Meistens ist jedoch vom deutlich umfangreicheren babylonischen die Rede.
Die Zählung der 613 Mitzwot beantwortet allerdings noch nicht die Frage, wie diese Gebote in der alltäglichen Praxis anzuwenden sind. Im Laufe der Jahrhunderte entstand deshalb eine umfangreiche rabbinische Literatur, die sich mit ihrer Auslegung und der praktischen Umsetzung befasst.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet der “Shulchan Aruch”, die allgemein anerkannte und bis heute kaum umstrittene Sammlung jüdischer Regeln. Dieses Werk ist im 16ten Jahrhundert von Joseph Caro, einem jüdischen Jurist und Mystiker, verfasst worden.

Die Halacha bildet jedoch nicht das gesamte jüdische Regelwerk ab. Einen weiteren wichtigen Bestandteil bilden die Minhagim – die überlieferten Bräuche und Traditionen jüdischer Gemeinden.
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in den über die ganze Welt verstreuten jüdischen Gemeinden zahlreiche Minhagim entwickelt.
Am bekanntesten ist wohl die typische schwarze Bekleidung einiger aschkenasischer Juden.
MInhagim ändern sich im Lauf der Zeit und können, wenn sie weit genug verbreitet sind und mehrheitlich gelebt werden, in das allgemeine jüdische Regelwerk einfliessen.
Gerade heute erleben wir eine Zeit, in der diesbezüglich einiges in Bewegung ist. Das ergibt sich daraus, dass heute viele zuvor getrennte Diaspora-Gemeinden in Israel miteinander verschmelzen. Daraus ergeben sich neue Verhaltensnormen.
In antiken Zeiten war es ein Konsortium von 71 ausgewählten Richtern in Jerusalem (Sanhedrin), das die Autorität hatte, über die Halacha zu entscheiden. Seit der Zerstörung des zweiten jüdischen Tempels gibt es diese Autorität jedoch nicht mehr.
Bestimmte regelbildende Aufgaben werden heute vom Oberrabbinat (Rabbanut) Israels wahrgenommen oder beaufsichtigt, doch dessen Autorität kann nicht mit jener der historischen Sanhedrins gleichgesetzt werden.
Grundsätzlich gelten die 613 Mitzwot, und damit auch die Halacha, nur für das jüdische Volk. Von Nichtjuden wird nicht erwartet, dass sie sie kennen und einhalten.
Für Nichtjuden gelten die 7 noachidischen Gesetze: Wer sie einhält, wird Anteil an der zukünftigen Welt erhalten (andere Religionen würden vielleicht sagen: Werden in den Himmel kommen).
Wie werden Mitzwot gewichtet?
Grundsätzlich gilt: Alle Mitzwot sind gleichwertig. Keine ist wichtiger als eine andere.
Wir können das mit einem Haus vergleichen. Der eine sagt: “Das Wichtigste ist das Dach. Ohne Dach ist es kein Haus”. Ein anderer entgegnet: “Nein, das Wichtigste ist die Haustür. Ohne sie kann das Haus gar nicht benutzt werden”.
In Wahrheit erfüllen jedoch Dach, Türen, Wände, Fenster und jeder einzelne Backstein ihre eigene Aufgabe. Erst ihr Zusammenspiel macht das Haus stabil und bewohnbar.
Gleich verhält es sich mit den Mitzwot.
Das bedeutet allerdings nicht, dass in jeder konkreten Situation und für jeden Juden alle Mitzwot die gleiche praktische Bedeutung haben.
Beispiel ⇒ Wir können uns einen Berg vorstellen. Zwei Menschen stehen auf unterschiedlichen Seiten dieses Berges und wollen den Gipfel erreichen. Der eine sagt zum anderen: “Wir müssen nach Osten gehen!”. Der andere erwidert: “Nein, nach Westen müssen wir gehen!”. Beide haben recht. Sie befinden sich lediglich an unterschiedlichen Orten und müssen einen anderen Weg einschlagen, um dasselbe Ziel zu erreichen.
Jeder Mensch befindet sich an einem anderen Punkt seines Lebens. Er bringt seine Erfahrungen mit, sein Wissen, seine Stärken und auch seine persönlichen Herausforderungen. Daraus ergeben sich Fragen und Aufgaben, die für ihn gerade besonders wichtig sind, während für einen anderen Menschen etwas ganz anderes im Vordergrund steht.
Ähnlich verhält es sich mit konkreten Situationen. Eine bestimmte Lebenssituation kann dazu führen, dass eine Mitzwa in diesem Moment besonderes Gewicht erhält, ohne dass sie dadurch grundsätzlich wichtiger wäre als eine andere. Das gilt sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Auf gesellschaftlicher Ebene wird darüber – insbesondere hier in Israel – oft intensiv debattiert. Dabei geht es nicht darum, ob eine bestimmte Mitzwa wichtiger als eine andere ist, sondern darum, ob, wie und unter welchen Voraussetzungen sie heute erfüllt werden kann oder soll.
Unterschiedliche rabbinische Autoritäten gelangen dabei teilweise zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.
Freiheit oder Einschränkung?
G’tt hat uns den freien Willen gegeben. Das bedeutet, dass wir in unseren Entscheidungen frei sind. Wir, und nur wir, entscheiden, welcher Mitzwa wir in einer bestimmten Situation den Vorrang geben. Unsere Entscheide können in bester Absicht gefällt sein – wir können aber auch böse Ziele verfolgen.
Gemäss der jüdischen Denkweise sind wir, und nur wir, für unser Handeln verantwortlich. Wir können Schuld nicht auf jemand anderes – oder etwas anderes – abwälzen.
Freier Wille beinhaltet Verantwortung.
Übrigens ⇒ Wir können zwar ein bestimmtes Ziel verfolgen, doch ob wir es erreichen werden, liegt nicht in unserer Hand: Wir haben keine Kontrolle über die Konsequenzen unseres Handelns.
In diesem Zusammenhang ergibt sich die Regel, wonach die Erfüllung einer Mitzwa ungültig ist, wenn man sie mit einem bestimmten Ziel vor Augen – sei das eine Belohnung oder die Bestrafung eines Feindes – ausgeführt hat. Die Erfüllung einer Mitzwa wird eine Konsequenz haben, doch diese entzieht sich unserer Kontrolle: Es wird G’tt sein, der belohnt oder bestraft, und er tut das in einer Art, die wir nicht kennen können.
Wir Juden bezeichnen die Torah auch als “das Buch des Lebens”. G’tt, der uns erschaffen hat, verrät uns hier “das Geheimnis”, wie wir ein erfülltes, gesundes und glückliches Leben führen und wie wir uns als (Teil der) Menschheit weiterentwickeln können.
Die Mitzwot sind ein Teil davon. Sie geben unserem Denken einen Rahmen und helfen uns, den Blick auf das Wesentliche zu richten, statt uns in Richtungen zu verlieren, die uns davon ablenken.
Wir können diesen Weg selbstverständlich verlassen – so wie wir einen Wanderweg verlassen und querfeldein gehen können. Der Weg schränkt uns dabei nicht ein, sondern hilft uns vielmehr, unser Ziel sicher zu erreichen.
Ohne Weg und Landkarte wissen wir jedoch nicht, ob uns dieses Querfeldein nicht in eine Sackgasse führt. Wir bewegen uns unsicher im Gelände.
Die Rolle eines Rabbiners
Nicht jeder, der sich Rabbiner nennt, hat tatsächlich die mehrjährige Ausbildung zum Rabbiner durchlaufen und erfolgreich abgeschlossen. Der Begriff “Rabbiner” ist rechtlich nicht geschützt. Grundsätzlich kann sich jeder so bezeichnen – auch ich könnte das. Verboten wäre das nicht.
Ein ausgebildeter und ordinierter Rabbiner hat jedoch Tanach und Talmud jahrelang studiert, kennt den Schulchan Aruch, die Siddurim (jüdische Gebetsbücher) und zahlreiche weitere jüdische Schriften. Viele Rabbiner spezialisieren sich darüber hinaus auf bestimmte Fachgebiete. So beschäftigt sich der Eine vielleicht intensiver mit der Kabbalah, ein anderer mit dem Buch Tanja, wieder andere mit anderen Bereichen der jüdischen Gelehrsamkeit.
Doch was ist nun die Aufgabe eines Rabbiners? Was für eine Rolle spielt er im Judentum?
Ein Rabbiner, der nicht von einer Gemeinde angestellt oder mit einer bestimmten Aufgabe betraut ist, hat keine fest definierte Funktion. Erst die Gemeinde – oder eine andere Institution – überträgt ihm eine bestimmte Verantwortung.
Manche Rabbiner schreiben Bücher, andere unterrichten, wieder andere widmen sich der Forschung oder übernehmen Beratungsaufgaben. Manche üben überhaupt keine offizielle Funktion aus.
Im Folgenden spreche ich jedoch ausschliesslich von Rabbinern, die innerhalb einer Gemeinde – oder einer vergleichbaren Institution wie z.B. der israelischen Armee – eine konkrete Aufgabe wahrnehmen.
Anders als viele vielleicht vermuten, gehört die Leitung der G’ttesdienste nicht zu den typischen Aufgaben eines Rabbiners. In der Diaspora mag dies zwar häufig der Fall sein, weil die Gemeinden oft klein sind und nur wenige Gemeindemitglieder hebräische Texte lesen und verstehen können. In Israel ist dies jedoch die Ausnahme: Die G’ttesdienste werden in aller Regel von Gemeindemitgliedern geleitet, die sich dabei abwechseln.
Es kommt auch nicht selten vor, dass an einem G’ttesdienst überhaupt kein Rabbiner anwesend ist.
Die eigentliche Aufgabe eines Gemeinderabbiners liegt an anderer Stelle. Er beantwortet halachische Fragen, leitet Trauungen oder Bar-Mitzwa-Feiern und trägt die Verantwortung für viele organisatorische und religiöse Fragen der Synagoge.
Typischerweise bereitet er auch Jugendliche auf ihre Bar Mitzwa vor. Dazu gehört zumeist das Lesen einer Parascha aus der Torah. Dies ist viel anspruchsvoller, als viele vermuten, denn der Text muss nicht nur fehlerfrei gelesen werden, sondern jedes einzelne Wort muss auch mit der richtigen Betonung (Ta’amei haMikra) vorgetragen werden.
Nebst diesen offiziellen Aufgaben steht der Rabbiner den Gemeindemitgliedern als Ratgeber und Lehrmeister zur Verfügung. Wer möchte, kann ihn um ein persönliches Gespräch bitten und mit ihm private oder religiöse Fragen besprechen. Dies geschieht häufig beispielsweise:
- bei familiären Problemen
- nach einem Todesfall
- in Glaubenskrisen
- bei schwierigen persönlichen Entscheidungen
- mit Fragen zur Anwendung der Halacha in einer bestimmten Situation
- zur Vorbereitung einer Hochzeit, einer Brit Milah (Beschneidung eines neugeborenen Jungen) oder eines Begräbnisses
Wo es um die persönliche Beratung in bestimmten Lebenssituationen geht, möchte ich zwei Dinge erwähnen, die mir für das Verständnis wichtig erscheinen. Das eine ist etwas, dessen sich selbst viele Juden nicht bewusst sind, das andere dürfte viele Nichtjuden überraschen.
Das Eine
Es ist sehr wichtig, wie ein Fragesteller seine Frage an den Rabbiner formuliert. Nachdem er seine Situation beschrieben hat kann er:
- entweder fragen: “Was soll ich jetzt tun?”
- Oder: “Was sagt die Halacha dazu?”
Es macht einen grossen Unterschied, welche Frage er stellt!
Fragt jemand: “Was soll ich jetzt tun?”, erwartet er vom Rabbiner eine persönliche Entscheidung. Damit übertägt er seine Verantwortung auf den Rabbiner. Später wird er sagen können: “Nicht ich habe so entschieden, sondern der Rabbiner hat mir gesagt…”
Zugleich wird der Rabbiner in aller Regel erwarten, dass der Fragesteller seinem Rat auch folgt. Tut er dies nicht, wird er bei einer späteren Anfrage möglicherweise wenig Verständnis zeigen: „Du hast meinen Rat das letzte Mal ignoriert. Warum kommst du jetzt erneut?“
Fragt jemand dagegen: „Was sagt die Halacha dazu?“, dann wird der Rabbiner passende Teile der Halacha erklären und ihre Anwendung erläutern.
Er wird vielleicht einen Ratschlag erteilen, doch die Verantwortung für die Entscheidung bleibt beim Fragesteller. Er kennt nun die Regeln – ob und wie er sie in seiner persönlichen Situation anwenden will, bleibt seine eigene Entscheidung.
Das Andere
Wenn ein Fragesteller mit der Halacha in Konflikt gerät oder eine wichtige Regel übertreten hat, wird ein guter Rabbiner ihn in erster Linie nicht zurechtweisen, um ihn “wieder auf den richtigen Weg” zu bringen, sondern wird zunächst versuchen zu verstehen, weshalb der Fragesteller so gehandelt hat und welche halachischen Möglichkeiten seine konkrete Situation eröffnet.
“Es gibt keine Regel ohne Ausnahme”. Die Halacha kennt viele Situationen, in denen verschiedene Regeln gegeneinander abgewogen werden können oder eine Ausnahme zulässig ist.
Ein guter Rabbiner wird deshalb nach jener Lösung suchen, die sowohl der Halacha als auch der konkreten Lebenssituation des Fragestellers am ehesten gerecht wird und seiner Persönlichkeit am besten entspricht.
Ein guter Rabbiner wird dem Fragesteller nicht das Leben erschweren, indem er ihm schwierige Aufgaben überträgt, sondern es ihm erleichtern, die beste Entscheidung zu treffen.
Zum Schluss

Die Halacha ist somit kein Gesetzbuch, das man liest, einmal auswendig lernt und dann kennt. Sie begleitet den Juden während seines ganzen Lebens.
Mit jeder neuen Lebenssituation stellen sich neue Fragen und persönliche Entscheide müssen mit der Halacha abgewogen werden. Deshalb endet das Lernen und Interpretieren der Halacha nie.
Mir persönlich hilft die Halacha dabei, nicht nur klarer zu erkennen, was ich tue, sondern auch – mir selbst sowie anderen – erklären zu können, weshalb ich es tue. Deshalb engt sie mich nicht ein, sondern gibt mir Kraft und Sicherheit, und damit letztendlich: Freiheit.
Ich hoffe, dass es mir mit diesem Artikel gelungen ist, dem Leser einen interessanten und bislang wenig bekannten Einblick in die orthodoxe jüdische Lebensweise zu vermitteln.
Wie alle meine Artikel im Thema “Judentum” soll er Vorurteile in bezug auf orthodoxes Judentum abbauen helfen, indem er grundlegende Prinzipien des jüdischen Wertesystems möglicht einfach und verständlich erklärt.
Weitere Informationen, Hintergrundartikel sowie die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Lesern findet ihr im Forum von Hasbara.news.
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