Juden und Judentum

In meinem Bemühen um ein Verständnis der jüdischen Existenz, um Missverständnissen vorzubeugen und eine klare Ausdrucksweise zu fördern, will ich in diesem Artikel einige grundlegende Begriffe erläutern.

Zu Beginn wird es darum gehen, zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden, denn diese Unterscheidung bildet die Basis für alle weitere Erläuterungen:

  • Wer ist ein Jude?
  • Was ist das Judentum?

Wie bei allen meinen Artikeln zu diesem Themenbereich beziehe ich mich auch in diesem auf orthodox-halachische Definitionen und Sichtweisen. Mir ist durchaus bewusst, dass innerhalb des jüdischen Volkes auch davon abweichende Auffassungen existieren. Wo es nötig oder sinnvoll ist, werde ich auf solche eingehen, massgebend für meine Erläuterungen sind sie jedoch nicht.

Inhalt


Wer ist ein Jude?

Wer Jude ist, ist durch die Halacha (Halacha bezeichnet das jüdische Regelwerk) klar definiert. Jude ist:

  • wer von einer jüdischen Mutter geboren worden ist, oder
  • wer durch einen anerkannten Übertritt (Gyur) dem jüdischen Volk beigetreten ist.

Wer keine dieser beiden Voraussetzungen erfüllt, kann von sich höchstens behaupten, jüdischer Abstammung zu sein oder von einzelnen jüdischen Gemeinden als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden, mehr nicht.

Beide Punkte führen immer wieder zu heftigen Debatten, auch innerhalb unseres Volkes. Auf die wichtigsten davon will ich im Folgenden eingehen.

Die jüdische Mutter

Darüber wird recht oft gestritten und es gibt breite Bewegungen, die fordern, ein jüdischer Vater müsse auch ausreichen. Doch es gibt mehrere Gründe, weshalb dem nicht so ist.

  1. Bereits bei Abraham zeigt sich, dass die Abstammung vom Vater allein nicht genügt: Sowohl Isaak als auch Ishmael waren Söhne Abrahams. Isaak war der Sohn Abrahams und dessen Ehefrau Sarah, die Abrahams religiösen Weg, Wertesystem und Bund teilte. Ishmael hingegen war der Sohn Abrahams und Hagars, Sarahs ägyptischer Dienstmagd. Die jüdische Linie jedoch wird durch Isaak fortgeführt und nicht durch den Erstgeborenen Ishmael. Der jüdische Vater Abraham allein genügte also von Beginn an nicht.
  2. In der Folge entwickelten sich zwei unterschiedliche Zuordnungen: Die Mutter bestimmt, ob ein Kind dem jüdischen Volk angehört. Wenn auch der Vater jüdisch ist, bestimmt er die Stammeszugehörigkeit innerhalb dieses Volkes.
  3. In späteren Zeiten war das jüdische Volk in viele Kriege verwickelt. Damals wie bis in die Gegenwart wurden dabei immer wieder Mädchen und junge Frauen verschleppt, versklavt, zwangsverheiratet und/oder vergewaltigt. Unter solchen Umständen ist die Vaterschaft oftmals gar nicht eindeutig feststellbar. Der jüdische Status eines Kindes soll deshalb nicht von der Identität des Vaters abhängig sein: Das Kind folgt in dieser Frage der Mutter, die es geboren hat.
  4. Interessanterweise liefert auch die moderne Genetik eine Parallele zu dieser Unterscheidung: Die mitochondriale DNA (mtDNA) wird von der Mutter an alle ihre Kinder weitergegeben. Dadurch lässt sich die direkte mütterliche Abstammungslinie über viele Generationen zurückverfolgen. Anders als bei dem von Vätern nur an ihre Söhne weitergegebenen Y-Chromosom gilt dies für sämtliche Kinder einer Mutter gleichermassen: Söhne und Töchter. Die übrige genetische Abstammung hingegen verzweigt und vermischt sich zunehmend mit jeder Generation. Ein einziger Vergewaltiger vor Hunderten von Jahren kann die genealogische Zuordnung der väterlichen Abstammung durcheinanderbringen.
  5. Ehen zwischen Juden und Nichtjuden werden nach halachischen Regeln nicht als jüdische Ehen anerkannt. Auch hier folgt der jüdische Status eines Kindes der Mutter. Diese Regel ist der westlichen Rechtspraxis gar nicht so fremd: Wer die Mutter eines Kindes ist, steht durch die Geburt grundsätzlich fest, während die Vaterschaft – insbesondere ausserhalb einer anerkannten Ehe – gegebenenfalls erst festgestellt, anerkannt oder gar erstritten werden muss.

Der Gyur

Auch darüber, ob ein bestimmter Gyur anerkannt sein soll oder nicht, wird immer wieder gestritten. Hinzu kommt das Problem, dass gewissen Übertritte zwar von Staat Israel anerkannt werden, nicht jedoch vom Rabbanut. In meinem Artikel zu solchen Übertritten habe ich dies und die daraus folgenden Probleme ausführlich beschrieben.

Es gilt jedoch grundsätzlich die Regel, dass ein Gyur nicht bloss die Annahme einer “jüdischen Religion” ist (s. auch meinen Artikel zu diesem Thema), sondern ein Beitritt zum jüdischen Volk. Ein solcher Beitritt kann somit nicht durch die Erklärung des Beitretenden erfolgen, sondern er bedarf der Anerkennung durch eine im Judentum allgemein anerkannte Instanz.


“Jude” bezeichnet somit die Zugehörigkeit zu einem Volk – “Judentum” hingegen ist etwas anderes.

Was ist das Judentum?

Ein befreundeter israelischer Rabbiner hat mir einmal gesagt, es gäbe nur zwei Gruppen von Juden: orthodoxe Juden und Reformjuden.

Was er dabei nicht erwähnt hat, sind säkulare Juden. Sie wären eine dritte Gruppe. Alle drei Gruppen bestehen aus Juden. Sie unterscheiden sich aber in ihrem Verhältnis zum Judentum.

Grundsätzlich gilt jedoch: Geborene Juden sind und bleiben Juden, auch wenn sie vollkommen säkular ausgerichtet sind; sogar dann, wenn sie eine andere Religion angenommen haben. Aber nicht jeder Jude lebt auch innerhalb des Judentums.

Damit stellt sich die Frage, was dieses „Judentum“ eigentlich ausmacht und wie unterschiedlich Juden ihr Verhältnis dazu verstehen und leben.

Im Folgenden will ich die wichtigsten jüdischen Strömungen kurz vorstellen. Dabei orientiere ich mich an einer Einteilung, wie sie auch bei Umfragen in Israel häufig verwendet wird. Gleichzeitig will ich darlegen, weshalb das oberste Rabbanut in Jerusalem ausschliesslich orthodoxe Sichtweisen anerkennt.

Traditionell

Als traditionelle Juden werden Juden bezeichnet, die ihr Leben nicht konsequent nach religiösen Regeln ausrichten, aber dennoch an bestimmten jüdischen Traditionen und Bräuchen festhalten. Sie kommen säkularen Juden wohl am nächsten, unterscheiden sich von diesen jedoch dadurch, dass sie einige für das Judentum wichtige Bräuche weiterhin pflegen.

In der Öffentlichkeit sind sie oft nicht als Juden erkennbar, denn viele ihrer Bräuche werden nur im engeren Familienkreis gepflegt.

Typisch hierfür können – natürlich in sehr unterschiedlichem Umfang – zum Beispiel sein:

  • Brit Mila (Beschneidung von Knaben)
  • Bar/Bat Mitzwa (religiöse Volljährigkeit)
  • jüdische Hochzeit/Chuppa
  • Pessach-Seder (festliches Essen zu Pessach im Kreis der Familie)
  • Kiddusch am Freitagabend, ohne anschließend den ganzen Shabbat halachisch einzuhalten
  • Jom Kippur, etwa Fasten oder Synagogenbesuch
  • Kaschrut teilweise beachten, beispielsweise kein Schweinefleisch essen, ohne jedoch eine vollständig koschere Küche zu führen
  • jüdische Begräbnis- und Trauerbräuche

Welche dieser Bräuche eingehalten werden und in welchem Umfang, ist individuell sehr unterschiedlich. Eine dauerhafte Einbindung in eine Synagogengemeinschaft, wie sie ansonsten für das religiöse jüdische Leben typisch ist, pflegen traditionelle Juden in aller Regel nicht.


In Israel bilden traditionelle Juden eine bedeutende Gruppe. In der Diaspora sind es eher weniger, denn jüdische Bräuche und Traditionen sind in Israel auch im gesamtgesellschaftlichen Alltag stets präsent, während dies in der Diaspora naturgemäss nicht der Fall ist.

Reform / Liberal

Diese Bewegung entstand im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland und verbreitete sich später insbesondere unter ashkenasischen Juden in anderen Teilen Europas und in den USA. Bis heute ist sie deshalb eine weitgehend ashkenasisch geprägte Bewegung; unter sephardischen und Mizrachi-Juden hat sie kaum Verbreitung gefunden. Heutzutage befindet sich das Zentrum dieser Bewegung in den USA.

Ein Charakteristikum dieser Bewegung ist die Abkehr von zahlreichen traditionellen jüdischen Regeln und Ritualen sowie eine starke Angleichung an die – zumeist christlich geprägte – Mehrheitsgesellschaft. Dies zeigt sich auch in der Gestaltung ihrer Synagogen. Oft findet man dort Einrichtungen und Praktiken, die zwar für christliche Kirchen, nicht jedoch für jüdische Synagogen typisch sind. Dazu gehören beispielsweise eine erhöhte Kanzel für den Rabbiner, Orgelmusik oder der Einsatz elektrischer Lautsprecheranlagen.

Aus orthodox-halachischer Sicht sind einige dieser Praktiken problematisch oder gar unzulässig: So ist das Spielen einer Orgel (wie jedes stimmbaren Instruments) am Shabbat untersagt und auch die Aktivierung elektrischer Geräte am Shabbat ist nicht gestattet.

Was man derzeit in dieser Bewegung ebenfalls wahrnimmt, ist eine zunehmende Übernahme neuerer westlicher gesellschaftlicher Vorstellungen. Dazu gehört beispielsweise die Gleichstellung von Frauen und Männern (auch im religiösen Bereich) und damit die Aufhebung der durch die Torah vorgegebenen unterschiedlichen Rollen. Auch hinsichtlich Homosexualität, gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder neuerer Vorstellungen von Geschlecht und Identität wurden Positionen übernommen, die teilweise in deutlichem Widerspruch zur Halacha stehen.

Wenn wir festhalten, dass sich das Judentum durch die Untrennbarkeit von

  • Land – das Land, das uns von G’tt zugeordnet worden ist, heute also Israel mit Jerusalem,
  • Volk – die jüdische Nation, wie sie sich durch die Annahme des ewigen Bundes mit G’tt am Berg Sinai gebildet hat, und
  • Religion – der Teil des jüdischen Wertesystems wie er uns in der Torah überliefert worden ist

charakterisiert, stellt die Reformbewegung diesem Verständnis eine wesentlich stärker individualisierte Auffassung gegenüber. Das jüdische Volk als Ganzes tritt dabei gegenüber der individuellen Entscheidung des Einzelnen stark in den Hintergrund, was sich auch an der teilweise mangelnden Solidarität mit israelischen Juden zeigt.

Oft beziehen sich Reformjuden auf den Begriff „Tikkun Olam“, also die Verbesserung oder „Reparatur“ der Welt. Der Begriff selbst stammt aus der jüdischen Tradition, hat in liberalen jüdischen Strömungen jedoch eine wesentlich weitergehende gesellschaftspolitische Bedeutung. Dem individuellen Engagement für eine „Verbesserung der Welt“ wird dabei eine höhere Priorität zugemessen als der Einhaltung halachischer Regeln und der Aufgabe des Einzelnen innerhalb der jüdischen Nation.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom Kollektiv zum Individuum: Jeder Einzelne entscheidet weitgehend selbst, was er unter einer „Verbesserung der Welt“ versteht und wofür er sich einsetzen will. Aus einem Volk mit einem gemeinsamen Bund, einem gemeinsamen Regelwerk und gemeinsamen Verpflichtungen werden dadurch Millionen jüdische Einzelkämpfer mit einer zunehmend schwächeren Bindung an die jüdische Nation.

Was ich an dieser Einstellung kritisiere, ist, dass sich jeder an einem anderen Ziel orientieren kann: Während der eine findet, die Welt werde dadurch verbessert, dass sie kommunistisch wird, kann ein anderer sich dafür einsetzen, ein kapitalistisches System zu unterstützen. Der traditionelle jüdische Gedanke des Tikkun Olam bedeutet jedoch gerade nicht, die Torah durch ein individuell gewähltes Wertesystem zu ersetzen. Auch die „Verbesserung der Welt“ muss sich innerhalb des jüdischen Wertesystems bewegen und darf nicht an dessen Stelle treten.

Auch aus der westlichen Vorstellung einer weitgehenden Gleichstellung der Geschlechter ergeben sich aus traditionell jüdischer Sicht Konflikte. Gleichwertigkeit von Mann und Frau bedeutet in der Torah nicht, dass beide dieselben Aufgaben und religiösen Verpflichtungen haben. Vielmehr werden Mann und Frau unterschiedliche Rollen und Pflichten zugewiesen, die sich innerhalb von Ehe und Familie ergänzen sollen. Dabei soll nicht Konkurrenz um dieselben Aufgaben, sondern gegenseitige Verantwortung, Respekt und Ergänzung im Vordergrund stehen.

Was ich an solchen Forderungen zudem kritisiere, ist die teilweise Loslösung religiöser Rechte von den damit verbundenen Pflichten. Sichtbar wird dies beispielsweise bei Gruppen wie Women of the Wall, die bestimmte traditionell männlich geprägte religiöse Praktiken für Frauen beanspruchen. Aus halachischer Sicht stellt sich dabei jedoch die Frage, ob einzelne Rechte oder Praktiken aus einem religiösen System herausgelöst werden können, ohne die damit verbundenen Verpflichtungen dieses Systems ebenfalls anzunehmen.

Die Torah ist kein Selbstbedienungsladen.

Doch meine grundsätzliche Kritik an der Reformbewegung richtet sich weniger dagegen, dass ihre Mitglieder bestimmte halachische Regeln nicht einhalten. Viele Juden tun dies nicht und sind sich dessen durchaus bewusst. Es ist jedoch etwas völlig anderes, diese Regeln neu zu definieren und anschliessend zu behaupten, dies entspreche der Halacha. Es ist ein Unterschied, eine Regel nicht einzuhalten oder die Regel so lange umzudeuten, bis das eigene Verhalten als regelkonform erscheint.


In Israel ist diese Bewegung kaum vertreten (etwa 3% der Juden). In den USA ist sie jedoch wesentlich stärker (rund 35%), verliert aber insbesondere bei jüngeren Generationen zunehmend an Bedeutung.

Ein Problem für die langfristige Bindung an das Judentum stellen dabei die in dieser Bewegung weitgehend akzeptierten Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden dar: Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus solchen Ehen deutlich seltener (28%) jüdisch-religiös erzogen werden als Kinder zweier jüdischer Eltern (93%). Über mehrere Generationen hinweg wird dadurch die Bindung an das Judentum zunehmend schwächer.

Hinzu kommt ein demografisches Problem: Die Reformbewegung in den USA ist deutlich überaltert. Demografische Prognosen gehen deshalb davon aus, dass sie in den kommenden Jahrzehnten erheblich an Gewicht verlieren wird, während der Anteil der wesentlich jüngeren und kinderreicheren orthodoxen Bevölkerung zunimmt.

Konservativ / Masorti

Vielen Juden gingen die Veränderungen der Reformbewegung zu weit. Daraus entwickelte sich eine weitere Strömung, die in Nordamerika meist als “Conservative Judaism”, in anderen Teilen der Welt häufig als “Masorti” bezeichnet wird. Sie ist nicht mit den zuvor beschriebenen traditionellen Juden zu verwechseln.

Diese Bewegung positioniert sich zwischen Reform und Orthodoxie. Sie hält stärker als die Reformbewegung an der Halacha und an traditionellen jüdischen Bräuchen fest, lässt jedoch zugleich Veränderungen zu, die von der Orthodoxie nicht anerkannt werden.

Dabei bestehen innerhalb der Bewegung jedoch erhebliche Unterschiede; die konkrete religiöse Praxis kann sich von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden.

Orthodox

Bezüglich des orthodoxen Judentums bestehen sehr viele Missverständnisse, sowohl unter Nichtjuden als auch innerhalb des jüdischen Volkes.

In Kürze lässt es sich dadurch definieren, dass sich das orthodoxe Judentum strikt an die Vorgaben der Torah – und damit auch an die Halacha – zu halten versucht. Diese können zwar neu interpretiert und auf neue Situationen angewandt, nicht jedoch an veränderte gesellschaftliche Vorstellungen oder nur kurzfristig aktuelle Modeströmungen angepasst werden. Die Regeln stammen von G’tt und haben ewige Gültigkeit, so die orthodoxe Auffassung.

Dem Obersten Rabbanut in Jerusalem, das in vielen halachischen Fragen letztlich „das letzte Wort hat“, wird jedoch oft vorgeworfen, dass es sich viel zu langsam bewege, in der Vergangenheit stecken bleibe und so junge Juden eher abschrecke als anziehe. Ich meine, diese Kritik müsse ernst genommen werden und auch ich wünsche mir ein offeneres und aufgeschlosseneres Gremium.


Im Zuge politischer Debatten wird oft auch von „ultraorthodoxen Juden“ gesprochen, doch was dabei mit “ultra” gemeint ist, bleibt meist unklar. Im politischen Kontext werden damit in aller Regel die haredischen Bevölkerungsgruppen und ihre Parteien, insbesondere Shas (sephardisch/mizrachisch) und UTJ (ashkenasisch), bezeichnet. Doch dass diese in irgendeiner Weise orthodoxer sind als andere Gruppen, stimmt nicht. „Ultra“ ist hier also eine politische, keine religiöse Zuordnung.

Vielerorts herrscht auch die Vorstellung, orthodoxe Juden seien Männer, die sich schwarz kleiden, Schläfenlocken und einen langen Bart tragen – während für Frauen Perücke oder Kopftuch und lange Röcke typisch seien. Das stimmt so jedoch nicht. Denn die Orthodoxie definiert sich nicht über Kleidung oder äussere Erscheinung, sondern über das Verhältnis zu Torah und Halacha.

Innerhalb des orthodoxen Judentums gibt es sehr viele verschiedene Gruppierungen, darunter auch solche, deren Position innerhalb der Orthodoxie höchst umstritten ist. Ein besonders extremes Beispiel ist die sehr kleine, aber lautstarke Sekte Neturei Karta: Äusserlich tritt sie haredisch auf, politisch stellt sie sich jedoch gegen den jüdischen Staat, teilweise gegen den Zionismus als solchen und oft tritt sie Seite an Seite mit erklärten Gegnern der jüdischen Nation (Israel) auf. Dies steht in einem fundamentalen Widerspruch zur Bedeutung der jüdischen Nation und des Landes Israel, wie es die Torah vorsieht und wie die meisten israelischen Juden es verstehen.

Im Folgenden will ich – beispielhaft – einige orthodoxe Strömungen kurz aufzählen. Abschliessend ist diese Liste nicht, dafür würde sie zu lang. Sie soll jedoch zeigen, dass es innerhalb der Orthodoxie viele Strömungen gibt und wodurch sie sich voneinander unterscheiden.

  • Haredim

Haredim sind häufig an ihren schwarzen Mänteln und den verschiedenen typischen Kopfbedeckungen erkennbar. Sie bilden jedoch keine einheitliche Gruppe. Es gibt sowohl ashkenasische als auch sephardische und mizrachische haredische Gemeinschaften, die sich wiederum in zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen aufteilen.

Typisch für die meisten dieser Gruppierungen ist eine starke Bindung an ihre jeweiligen Rabbiner und religiösen Autoritäten. Dies zeigt sich auch politisch: Die meisten Haredim orientieren sich bei Wahlen an den Empfehlungen ihrer rabbinischen Autoritäten, weshalb sich die haredischen Parteien (Shas und UTJ) traditionell auf eine ziemlich stabile Stammwählerschaft verlassen können.

  • Chabad (Lubawitsch)

Chabad ist wohl die weltweit am stärksten verbreitete und sichtbarste orthodoxe jüdische Bewegung. Chabad-Häuser findet man heute in fast jedem Land der Welt. Ihre männlichen Mitglieder sind häufig an schwarzer Kleidung und schwarzem Hut erkennbar.

Religionsgeschichtlich gehört Chabad zum Chassidismus und wird gewöhnlich dem haredischen Judentum zugerechnet, unterscheidet sich von vielen anderen haredischen Gruppen jedoch durch seine starke Ausrichtung nach aussen. Wer als Jude unterwegs oder im Urlaub ist, wird fast überall ein Chabad-Haus finden und dort sehr freundlich aufgenommen, auch wenn er nicht dieser Bewegung angehört.

Eine zentrale Rolle spielt der 1994 verstorbene siebte Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson. Unter seiner Führung entwickelte Chabad seine heute weltweite Präsenz. Besonders auffällig ist zudem die starke Beschäftigung mit der erwarteten Ankunft des Moschiach.

  • Breslev / Nachman

Wer einmal etwas längere Zeit in Israel war, wird ihnen vermutlich schon begegnet sein: den Pickups mit Lautsprechern, die immer wieder anhalten, worauf junge Juden abspringen und ausgelassen auf der Strasse tanzen – manchmal sehr zur Freude, manchmal eher zum Ärger der übrigen Verkehrsteilnehmer. „Na Nach Nachma Nachman Meuman“ wird dazu häufig gesungen.

Diese besonders auffälligen Na-Nach-Anhänger sind Teil der Breslever Bewegung, die auf Rabbi Nachman von Breslev (1772–1810) zurückgeht.

Breslev gehört zum Chassidismus und legt besonderen Wert auf Freude, Gebet und die persönliche Beziehung zu G’tt. Bekannt ist insbesondere die Hitbodedut, das persönliche, freie Gespräch mit G’tt in eigenen Worten.

Eine Besonderheit der Breslever ist, dass Rabbi Nachman keinen Nachfolger als Rebbe bestimmte. Er blieb damit die zentrale Persönlichkeit der Bewegung, obwohl er bereits 1810 starb. Sein Grab im ukrainischen Uman ist bis heute ein bedeutender Wallfahrtsort, insbesondere zu Rosch Haschana.

  • Nationalreligiöse (Dati Leumi)

Hier kommen wir zur Gruppe, der ich selbst am nächsten stehe. Diese Bewegung wurde weitgehend durch Rav Kook (Rabbi Abraham Isaac HaKohen Kook, 1865–1935) geprägt, den ersten ashkenasischen Oberrabbiner von Eretz Israel unter britischer Mandatsherrschaft. Er bekleidete dieses Amt lange vor der Gründung des Staates Israel.

Für seine Einstellung ist bezeichnend, dass er erkannte, dass jeder Jude, unabhängig von seiner religiösen Einstellung, innerhalb des jüdischen Volkes seine ganz spezifische Aufgabe hat. Während des Aufbaus des Landes war diese Sicht besonders wichtig. Viele Landarbeiter in den Kibbutzim leisteten einen enormen Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung und zum Aufbau des Landes, waren selbst jedoch häufig eher sozialistisch oder kommunistisch als religiös eingestellt.

Rav Kook erkannte, dass ein über Jahrtausende in der Diaspora zerstreutes Volk Zeit braucht, um wieder zu einem gemeinsamen Volk zusammenzuwachsen. Ein Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Man erkennt nationalreligiöse Juden oft an ihren farbigen Kippas (Kippot Srugot). Viele tragen auch die Zizit sichtbar. Doch gekleidet sind sie ansonsten völlig alltäglich: Jeans und Hemd oder T-Shirt.

Typisch für sie ist, dass nur die wenigsten einen “Leibrabbiner” haben, dem sie nachfolgen. Nationalreligiöse Juden sind zwar gut vernetzt, doch recht individualistisch eingestellt und übernehmen für ihre religiöse Lebensführung stärker eine persönliche Verantwortung.

In Israel wächst diese Bewegung, doch in der Diaspora ist sie kaum vertreten. In der israelischen Politlandschaft gibt es mehrere Parteien, die sich als nationalreligiös bezeichnen oder einen hohen Anteil nationalreligiös orientierter Mitglieder haben.


Hiermit habe ich bloss wenige der unzähligen Gruppen und Untergruppen des orthodoxen Judentums erwähnt. Dies soll lediglich beispielhaft zeigen, wie facettenreich das orthodoxe Judentum ist.

Historisch ist dabei interessant, dass die Bezeichnung „orthodoxes Judentum“ als Abgrenzung erst relativ jung ist. Bevor Reform und andere moderne Strömungen entstanden, bedurfte es dieser Unterscheidung nicht – Judentum war schlicht Judentum.

Wohin wird sich das Judentum in Israel bewegen?

Heute zeichnet sich in Israel eine Entwicklung ab, die langfristig wieder zum ursprünglichen Verständnis des Judentums führen könnte. Orthodoxe Bevölkerungsgruppen wachsen stark, während sich andere Strömungen demografisch wesentlich schwächer entwickeln.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist zudem bei einem Teil der israelischen Juden eine stärkere Hinwendung zu Religion und jüdischer Tradition zu beobachten. Ich halte es deshalb durchaus für möglich, dass die heute bestehenden nichtorthodoxen Strömungen innerhalb weniger Generationen erheblich an Bedeutung verlieren oder teilweise gar gänzlich verschwinden werden.

Diese Entwicklungen wirken sich zwangsläufig auch politisch aus: Das Gewicht orthodoxer Bevölkerungsgruppen innerhalb der israelischen Gesellschaft und damit auch in der Politik wird zunehmen.

Im vereinfachten Schema “rechts = national orientiert, links = globalistisch orientiert“ dürfte sich Israel damit weiter nach rechts bewegen.

Schwieriger vorauszusehen ist, wie sich diese Entwicklungen auf das Verhältnis zwischen israelischen Juden und Diasporajuden auswirken werden. Derzeit bestehen hier grosse Unterschiede – sowohl in religiöser Hinsicht (orthodox gegenüber nichtorthodox) als auch gesellschaftlich und politisch. Während in Teilen der Diaspora die Assimilation weit fortgeschritten ist, ist in Israel eine selbstbewusstere Rückbesinnung auf jüdische Identität und jüdische Werte zu beobachten. Letzteres ist bisher in der Diaspora nur selten zu erkennen.

Im Zuge des weltweit zunehmenden Antisemitismus und der daraus entstehenden Gefahr für Diasporajuden sind dabei zwei gegensätzliche Entwicklungen denkbar: eine weitere Assimilation bis hin zur Aufgabe oder bewussten Verleugnung der eigenen jüdischen Identität – oder eine stärkere Hinwendung zu Israel, bis hin zur Aliyah. Gegenwärtig können wir beides beobachten.

Aus der Geschichte lernen?

Immer wieder hat sich gezeigt, dass Assimilation weder vor Antisemitismus schützt noch langfristig jüdische Identität bewahrt…


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