Ist Judentum eine Religion?

Wie oft begegnen wir in einem Artikel oder in einer Rede dem Ausdruck “Menschen jüdischen Glaubens”? Zumeist ist das gut gemeint, trotzdem irritiert mich dieser Ausdruck stets aufs Neue und ich frage mich: “Was soll damit gemeint sein?”

Woran wir Juden “glauben”, das ist die Torah: Wir glauben, dass sie uns von G’tt gegeben worden ist.

Wir glauben also, dass Moses existiert hat, ebenso Abraham, Isaak und Jakov (Israel) und vieles Andere, wovon uns die Torah erzählt. Und wir glauben, dass es nur einen G’tt gibt.

Doch all das glauben auch Christen und Muslime. Sind sie demnach auch “Menschen jüdischen Glaubens”? Wohl kaum…

Inhalt


Was bedeutet “Glaube”?

Bereits das Wort “Glaube” ist unscharf und kann mehrere Bedeutungen haben:

  • “Ich glaube, dass es morgen regnen wird” – Glaube im Sinn einer Vermutung. Ich weiss es nicht wirklich, doch halte es für wahrscheinlich.
  • „Ich glaube, dass dieser Mensch unschuldig ist“ – Glaube im Sinne einer Überzeugung, ohne einen religösen oder transzendentalen Hintergrund.
  • „Ich glaube an einen ewigen, einzigartigen, allmächtigen G’tt“ – Glaube im Sinne einer religiösen Überzeugung.

Wir können davon ausgehen, dass mit dem Ausdruck “Menschen jüdischen Glaubens” die letzte Bedeutung gemeint ist, also die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft.

Das wiederum würde bedeuten, dass mit diesem Ausdruck säkulare Juden nicht gemeint sind. Sie sind zwar gebürtige Juden, teilen jedoch nicht zwingend den „jüdischen Glauben“, der sie nach dieser Definition zu Juden machen würde.

“Glaube” also im Sinn von religiöser Zugehörigkeit. Doch bevor wir darüber weiter nachdenken, sollten wir uns darüber klar werden: Was bedeutet eigentlich “Religion”?

Was ist Religion?

Grundsätzlich beschäftigt sich Religion mit den Fragen, bei denen die empirische Wissenschaft an Grenzen stösst. Diese Grenzen verschieben sich jedoch mit der Zeit: Die moderne Wissenschaft entdeckt stets Neues und manches, was früher Gegenstand von Überlieferungen oder religiösen Vorstellungen war, lässt sich heute wissenschaftlich untersuchen und oft als zutreffend belegen – oder auch widerlegen.

Das gilt auch für Erzählungen und Beschreibungen der Torah. Archäologische und andere wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen oft einzelne darin beschriebene Orte, Personen, Gegebenheiten oder Ereignisse und neue Entdeckungen erweitern laufend unser Wissen.

Was die Wissenschaft bislang jedoch nicht belegen konnte: dass uns die Torah tatsächlich von G’tt überliefert worden ist.

Die älteste vollständige Torahrolle, die bislang gefunden worden ist, die “Bologna Torah Scroll”, stammt ungefähr aus dem Jahr 1200 CE. Die bislang ältesten erhaltenen Handschriften mit Texten der Torah sind in Qumran gefunden worden und stammen etwa aus dem dritten Jahrhundert BCE. Eine Torahschrift aus der Zeit Moses’ ist jedoch noch nicht gefunden worden.

Doch selbst wenn eine solche Schrift gefunden würde, könnte auch sie nicht belegen, dass sie uns tatsächlich von G’tt überliefert worden ist.

Diese Feststellung wirft eine nächste Frage auf: Was genau müsste eigentlich wissenschaftlich bewiesen oder widerlegt werden? Die Wissenschaft kann jedenfalls weder die Existenz G’ttes beweisen noch seine Nichtexistenz. Dazu müsste sie erst definieren, was dieses “G’tt” denn überhaupt ist. Sie wird sich demnach auch nicht dazu äussern können, wie die Torah (beziehungsweise das in ihr enthaltene Wissen) zu uns gekommen ist.

Mit dieser Frage beginnt der religiöse Bereich: Wer oder was ist G’tt?

Wer oder was ist G’tt?

Die Torah verbietet uns ausdrücklich, uns von G’tt ein Bild zu machen. Selbst sein Name entzieht sich unserem gewöhnlichen Umgang mit Namen. Die Torah schreibt ihn mit den vier Buchstaben Yud-Hey-Waw-Hey (י-ה-ו-ה), wir sprechen diesen Namen jedoch nicht aus, sondern verwenden Bezeichnungen wie Adonai (Herr) oder HaShem (der Name).

Dieses Verbot hat einen tieferen Grund, denn jedes Bildnis würde G’tt zu etwas Endlichem, zu etwas klar Umrissenen machen: Dies ist “G’tt” – jenes nicht. Doch genau dies widerspricht dem jüdischen Verständnis von “G’tt” diametral.

Unser Denkvermögen stösst hier an seine Grenzen und diese Grenzen sollen wir anerkennen. Ewigkeit, Allmacht oder Unendlichkeit sind Begriffe, die wir zwar verwenden, deren tatsächliche Bedeutung wir uns jedoch nicht vorstellen können. Unsere Erfahrungswelt ist von Grenzen geprägt: von Raum und Zeit, von Anfang und Ende.

Die Erkenntnis, dass dieses Unendliche, Ewige, unsere Vorstellung und Macht Übersteigende nicht eine Ansammlung voneinander unabhängiger Mächte ist, sondern EINES – das, was wir Juden als “G’tt” bezeichnen – wird Abraham zugesprochen. Mit ihm beginnt die Geschichte des jüdischen Monotheismus.


Bislang haben wir zwar beschrieben, was Monotheismus bedeutet, jedoch noch nicht, was die „jüdische Religion“ ausmacht und wodurch sie sich von anderen Religionen unterscheidet. Noch immer ist die Frage “Was ist ein Mensch jüdischen Glaubens?” nicht beantwortet.

Was ist der jüdische Glaube?

Es gibt mehrere monotheistische Religionen. Auch Christentum und Islam berufen sich auf Abraham und Moses und übernehmen wesentliche Teile aus der Überlieferung der Torah. Was also unterscheidet den “jüdischen Glauben” von diesen anderen?

Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass Christentum und Islam weitere, jüngere Offenbarungen anerkennen, die für das Verständnis ihrer Religion grundlegend sind.

Das Christentum erkennt neben den Schriften des Tanach (das entspricht ungefähr dem christlichen AT) das Neue Testament an. Im Zentrum steht Jesus Christus, dessen Person und Bedeutung für den christlichen Glauben entscheidend sind. Wer diese grundlegenden Aussagen über Jesus nicht anerkennt, kann sich kaum als Christ bezeichnen. Das Christentum definiert sich damit wesentlich über bestimmte Glaubensaussagen. Dass Jesus als Mensch gelebt hat, wird historisch kaum bestritten. Ob er jedoch tatsächlich G’ttes Sohn war, Wunder vollbrachte und von den Toten auferstanden ist, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Die Evangelien unterscheiden sich sogar in einzelnen Darstellungen, doch Christen berufen sich auf diese religiösen Aussagen.

Ähnlich erkennt der Islam nach Torah und christlicher Überlieferung eine weitere Offenbarung an: den Koran. Mohammed gilt dabei als Gesandter G’ttes und als letzter der Propheten. Seine Stellung als letzter Prophet und die Offenbarung des Korans sind grundlegende Glaubensaussagen des Islam. Auch hier sind bestimmte Glaubensaussagen – etwa über den Koran und Mohammed – entscheidend für die religiöse Zugehörigkeit.

Der „jüdische Glaube“ unterscheidet sich genau darin von diesen anderen monotheistischen Religionen: Es gibt keinen universellen, über den Monotheismus hinausgehenden jüdischen Glauben dieser Art. Das will nicht heissen, dass Juden nichts glauben. Innerhalb des Judentums gibt es unterschiedliche Strömungen mit teilweise sehr unterschiedlichen Glaubensvorstellungen – und es gibt Juden, die überhaupt keine solchen religiösen Vorstellungen haben. Einen allgemein anerkannten Glaubenskatalog, dessen Anerkennung einen Menschen zum Juden und dessen Ablehnung ihn zum Nichtjuden macht, gibt es jedoch nicht.

Im Judentum steht der Glaube nicht im Mittelpunkt. Unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben darin Platz. Entscheidend sind vielmehr das Handeln – gegenüber seinen Mitmenschen ebenso wie gegenüber G’tt – und das Streben nach Wissen und Erkenntnis. Letzteres stets in Anerkennung dessen, dass wir Menschen letztendlich niemals vollständige Erkenntnis erlangen können.

Untrennbar zum Handeln gehört im Judentum auch die Eigenverantwortung. Jeder Mensch trägt grundsätzlich selbst die Verantwortung für sein Tun. Niemand kann unsere moralische Schuld auf sich nehmen und wir können sie auch nicht auf einen anderen übertragen, indem wir sagen, wir hätten lediglich dessen Anweisungen befolgt.

Natürlich gibt es Situationen, in denen unsere Entscheidungsfreiheit eingeschränkt ist. Wer unter Zwang, unter Drohung oder gar unter Folter handelt, befindet sich in einer anderen Situation als jemand, der frei entscheidet. Diese Umstände verändern zwar die Beurteilung unserer Verantwortung – sie übertragen unsere Verantwortung jedoch nicht gänzlich auf einen anderen.

Auch materielle Schulden kann jemand anderes für uns begleichen. Doch nun „schulden“ wir möglicherweise ihm etwas anstelle des ursprünglichen Gläubigers. Moralische Verantwortung lässt sich auf diese Weise nicht begleichen.

Was also ist „jüdischer Glaube“?

Ein Mensch kann eines jüdischen Glaubens sein. Doch er ist nicht deshalb Jude, weil er einen solchen Glauben hat. Auch Nichtjuden können einen solchen Glauben teilen, doch das macht sie nicht zu Juden.

Er ist Jude, weil er diesem Volk angehört – einem Volk mit einer jahrtausendealten gemeinsamen Geschichte, Kultur und Tradition.

Er ist Jude, weil er sofort und ohne viele Worte versteht, was ihm jemand erzählt, der Teile seiner Familie im Holocaust, am 7. Oktober 2023 oder während eines anderen Pogroms verloren hat.

Er ist Jude, weil er aus der eigenen Familiengeschichte kennt, dass oft kaum mehr als zwei oder drei Generationen an einem Ort leben konnten, bevor sie vertrieben wurden und anderswo neu anfangen mussten.

Er ist Jude, weil er trotz alledem immer wieder sagt: „Am Israel Chai!“ – weil das Judentum das Leben in den Mittelpunkt stellt und die Sorge um den Tod und einer möglichen „Welt danach“ nicht unser Leben bestimmen lässt.

Er ist Jude, weil er trotz des grässlichen Massakers beim Nova-Festival sagt:

„We’ll dance again!“


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