Aliyah – mehr als nur Auswanderung

Die Geschichte einer Heimkehr

Inhalt

Mein erster Kontakt mit Israel

Irgendwann betritt jeder einmal israelischen Boden zum ersten Mal. Der Flug landet auf dem Flughafen Ben Gurion, man durchläuft die Passkontrolle – manchmal geht das schnell, manchmal wird man ausführlicher befragt und es dauert etwas länger. Anschliessend holt man sein Gepäck und verlässt das Flughafengebäude.

Bei mir war das so, als wir zum ersten Mal gemeinsam die Familie meiner damaligen Ehefrau, eine gebürtige Israelin, besuchen gingen.

Bis dahin war mir das Land weitgehend fremd. Ich kannte Israel vor allem aus den Medien und stellte es mir als ein wildes und gefährliches Land vor. In meiner Vorstellung bestand es aus Kibbuzim, Juden und Terroristen. Viel mehr wusste ich damals nicht darüber.

Entsprechend hatte ich zwar eine Meinung zu Israel, aber kaum eigenes Wissen und erst recht keine persönlichen Erfahrungen.

Doch kaum hatte ich das Flughafengebäude verlassen und stand draussen bei der grossen Menorah von Salvador Dalí, geschah etwas sehr Seltsames: Ich hatte Tränen in den Augen. Ich konnte nicht wie alle anderen sofort zum nächsten Taxi hasten, sondern musste erst einen Moment stehen bleiben und mich beruhigen.

Ich wusste nicht, was das war. Ich bin kein sentimentaler Mensch.

Die erste Zigarette nach dem Flug brachte mich wieder in die Realität. Danach ging es zum Fahrzeugvermieter und mit dem Mietwagen weiter nach Jerusalem, wo wir ein Bed-and-Breakfast gebucht hatten. Damals existierte die bequeme Bahnverbindung zwischen Tel Aviv und Jerusalem noch nicht.

So begann mein erster Kontakt mit Israel. Mit ihm begannen mehrere Jahre des Lernens.

Der Entschluss zur Aliyah

Ich war damals relativ frisch mit einer Israelin verheiratet. In der Folge besuchten wir Israel mehrmals – stets für Familienbesuche und als Touristen.

So lernte ich das Land und seine Menschen nach und nach kennen. Das Land war schön und gefiel mir gut, doch die Menschen bereiteten mir zunächst gewisse Schwierigkeiten. Als Schweizer war ich an Zurückhaltung, Höflichkeit und eine gewisse persönliche Distanz gegenüber Unbekannten gewöhnt. Die Israelis dagegen kamen mir oft direkt, frech und manchmal sogar grenzüberschreitend vor.

Ein weiteres Hindernis waren die Sprache und die Schrift. Ich konnte kein Hebräisch und die hebräische Schrift nicht lesen.

Zwar war ich zuvor bereits viel gereist – in Europa, Afrika, Südamerika und in Neuseeland. Doch vielerorts sprach man Englisch, was ich gut sprechen kann, und fast überall konnte ich zumindest die Schrift lesen. Selbst wenn ich die Sprache nicht verstand, lernte ich dadurch einzelne Wörter und Begriffe meist recht schnell kennen. Die einzigen Ausnahmen waren Griechenland und damals die Ukraine. 😊

In Israel war das anders. Ich sah nur unverständliche Zeichen.

Doch da wir uns vor allem im familiären Umfeld bewegten und meine damalige Frau mit all diesen Dingen keinerlei Schwierigkeiten hatte, störte mich das zunächst nicht weiter.

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich zum “Israeli” wurde.


Zu dieser Zeit (ca. 2010) wohnte ich in der Schweiz, arbeitete jedoch an einem Projekt in Deutschland. Ich lebte also halb in Steffisburg und halb in Hamburg.

Meine damalige Frau hatte schulpflichtige Kinder, die verschiedene Schulen in Thun und Steffisburg besuchten.

Doch die Kinder erlebten in ihrem schulischen Umfeld zunehmend Dinge, die wir als befremdlich und störend empfanden. Schliesslich entschlossen wir uns deshalb, sie an die Privatschule Muristalden in Bern zu schicken.

Aus unserer Synagogengemeinde wussten wir, dass es dort kaum Anfeindungen gegen jüdische Kinder gab. Das hatte auch damit zu tun, dass viele jüdische Familien ihre Kinder an diese Schule schickten und Juden dort nicht so stark in der Minderheit waren.

Ich, meinerseits, machte in Hamburg andere Erfahrungen. Zwar ist mir am Arbeitsplatz, unter meinen deutschen Kollegen, nie etwas antisemitisches begegnet und die Schwierigkeit, in der Kantine etwas halbwegs Koscheres zum Essen zu finden, war ich gewohnt.

Doch das war eine Zeit, in welcher oft von muslimischen Anschlägen weltweit berichtet wurde, und ich erschrak ein wenig, als ich plötzlich einen grossen Mann mit Bart und einem Gewand, das für mich wie ein Nachthemd aussah, erblickte.

Nach und nach verschwanden die Kaffeehäuser und kleinen Imbiss-Restaurants in der Nähe meines üblichen Hotels und wurden durch Shisha-Bars ersetzt. Und wenn ich spät nachts nach langer Arbeit mit dem Bus zum Hotel fuhr, fühlte ich mich zunehmend unwohl. Die zunehmend mehr bärtigen Männer in ihren „Nachthemden“ und manche Blicke, die mir feindlich erschienen, machten mir Angst.

Ich hatte den Eindruck, dass diese Männer (obwohl ich keine Kippa trug) mir ansehen, dass ich Jude bin, und dann…


All diese Erlebnisse und Wahrnehmungen wurden zuhause in unserer Familie oft besprochen. Nach und nach entwickelte sich daraus ein zentrales Thema bei den Shabbat-Kiduschim, zu denen wir gemeinsam am Tisch sassen.

Die Kinder kannten Israel recht gut, denn sie waren zuvor oft mit ihrer Mutter dort gewesen. Auch die Sprache kannten sie gut, da sie mit ihrer Mutter häufig Hebräisch sprachen.

Immer wieder kam die Frage auf: Wollen wir in der Schweiz bleiben oder nach Israel ziehen?

Ich kannte damals ungefähr das Enddatum meines Projekts in Hamburg und drängte deshalb auf eine Entscheidung. Denn wenn ich danach ein neues Projekt in der Nähe annehme, würde eine Auswanderung nach Israel für mich aus geschäftlichen und vertraglichen Gründen für längere Zeit nicht mehr infrage kommen.

Schliesslich stimmten wir ab: Drei stimmten für Israel, ich inberiffen, eine Person dagegen und eine enthielt sich. Damit war der Entscheid gefallen, und es begann die Phase der Vorbereitung.

Die Vorbereitungen

Viele Vorbereitungen finden zunächst im Kopf statt, in Gedanken und Phantasien. Doch die realen Vorbereitungen beginnen – wie könnte es anders sein – mit Papierkram.

Als Europäer ist hierfür die Jewish Agency sehr hilfreich (in vielen englischsprachigen Ländern ist hierfür auch Nefesh BeNefesh gut geeignet). Es gilt:

  • die Anforderungen des Staates Israel kennenzulernen
  • zahlreiche Dokumente zusammenzustellen
  • sich – falls nicht vorhanden – überzeugende Nachweise der eigenen Jüdischkeit zu beschaffen
  • die finanziellen Aspekte einer Aliyah zu verstehen
  • und – je nach persönlicher Situation – vieles mehr

Wir registrierten uns also bei der Jewish Agency, was heute online geschieht, und eröffneten dort unseren Ordner. Nach und nach füllte sich dieser Ordner mit Dokumenten. Mit Hilfe mehrerer Gespräche und Rückfragen wurde er schliesslich komplett.

Sobald der Ordner vollständig ist, übermittelt ihn die Jewish Agency nach Israel. Dort wird er von der zuständigen Einwanderungsbehörde geprüft.

Die Jewish Agency begleitet den Prozess und hilft bei den Vorbereitungen, entscheidet jedoch nicht über den Antrag. Sie ist aber sehr behilflich dabei, den Ordner so vorzubereiten, dass der Antrag später möglichst bewilligt wird. Die Entscheidung über Bewilligung oder Ablehnung liegt jedoch bei den israelischen Behörden.

Mit diesen Behörden gab es noch einige Kontakte mit Rückfragen und Präzisierungen. Doch am Ende passte alles zeitlich nahezu perfekt zusammen: Die Bewilligung des Antrags traf fast auf den Monat genau mit dem Abschluss meines Projekts in Hamburg zusammen: Ende Januar 2016.

Bereits im Vorfeld hatten wir andere Dinge vorbereitet. Das Wichtigste – und keineswegs Einfachste – war, uns in Israel eine Liegenschaft zu sichern, die wir kaufen wollten, sobald unsere Liegenschaft in der Schweiz verkauft ist. Vereinfacht gesagt handelte es sich um einen Liegenschaftstausch über Landesgrenzen hinweg.

Das kann sich schwierig gestalten, weil man für ein solches Vorhaben nur schwer eine Hypothek erhält. In Israel nicht, weil man dort noch nicht lebt und die Banken die finanziellen Verhältnisse nicht kennen. In der Schweiz nicht, weil kaum eine Bank eine Hypothek für eine Liegenschaft in Israel anbieten wird.

Nun, dieses Problem haben wir lösen können. Etwas kompliziert zwar, doch es hat funktioniert.


Nachdem man seine Aliyah bestätigt erhalten hat, bezahlt der Staat Israel den Flug (auf dem wir pro Person drei Koffer mitnehmen konnten). Direkt nach der Ankunft am Flughafen Ben Gurion erhält man einen ersten israelischen Reisepass. Dieser ist zunächst nur ein Jahr gültig und muss danach erneuert werden.

Was viele nicht wissen: Wenn dieser Pass ausgestellt wird, kann man sich einen neuen Namen geben. Typischerweise wählt man einen hebräischen Namen, doch das muss nicht sein. Jedenfalls legt man jetzt die offizielle hebräische Schreibweise seines Namens fest. Man ist deshalb gut beraten, sich darüber bereits im Voraus Gedanken zu machen.

Beispiel ⇒ Ich habe dabei meinen ersten Vornamen (Rolf) auf Hebräisch übersetzt. Mein heutiger Vorname Ze’ev bedeutet „Wolf“. Rolf wiederum ist eine Kurzform von Rudolf, dem altgermanischen „Hruod Wolf“ (ehrenhafter Wolf). Als zweiten Vornamen habe ich mir jenen Namen geben lassen, mit dem ich seit meiner Schulzeit gerufen werde und unter dem mich viele Bekannte noch heute kennen. Den Nachnamen habe ich nicht verändert, sondern lediglich dessen hebräische Schreibweise festgelegt.

Den eigentlichen Umzug zu organisieren war dagegen kein grosses Problem. Jeder ist schon einmal umgezogen und weiss, worauf dabei zu achten ist.

Als kleiner Hinweis: Ein Schiffscontainer ist wesentlich günstiger, als viele Menschen im Voraus vermuten. Der Nachteil besteht darin, dass man nach seiner Ankunft in Israel noch einige Wochen auf den Container warten muss. Für diese Übergangszeit sollte man deshalb eine Lösung bereithalten. Wir wohnten damals so lange bei der Schwester meiner damaligen Ehefrau.

Dann die Freude: “Juhui! Unser Container ist angekommen!” Nun konnten wir endlich in unser neues Zuhause einziehen.

Die ersten Monate

War unsere Aliyah mit diesem Ereignis endlich abgeschlossen?

Mitnichten

Die eigentliche Aliyah begann erst jetzt.


Heimkehrer nach Israel werden als „Oleh Chadash“ bezeichnet. Dieser Status gilt während zehn Jahren und bringt verschiedene staatliche Unterstützungen und Vergünstigungen mit sich. Wörtlich bedeutet „Oleh“ Aufsteiger oder Aufgestiegener, „Chadash“ bedeutet neu. Also ein neu Aufgestiegener.

Für die erste Zeit nach unserer Ankunft hatte jeder in der Familie andere Pläne.

Für die Kinder waren das Schule und neue Freunde, verbunden mit dem Abschied von alten Freundschaften. Anfangs hielten regelmässige Video-Chats diese Kontakte aufrecht, doch mit der Zeit flauten sie ab, weil Neues in den Vordergrund rückte.

Für meine damalige Frau standen ihre Familie, von der sie lange Zeit getrennt gelebt hatte, und die Suche nach einem Arbeitsplatz im Vordergrund.

Für mich jedoch war es die Sprache. Wie sollte ich hier in Israel leben, Freunde finden, Kontakte knüpfen und pflegen, ohne die Sprache zu beherrschen?

Ich wollte nicht vereinsamen.


Olim Chadashim (das ist der Plural von Oleh Chadash) erhalten vom Staat einen sogenannten “Ulpan” bezahlt, eine Sprachschule für Hebräisch. Dort kann man die Sprache erlernen und anerkannte Abschlüsse erwerben. Die Kurse sind in verschiedene Stufen unterteilt (A, B, B+, C usw.) und je nach angestrebtem Beruf können solche Abschlüsse von erheblicher Bedeutung sein.

In Israel gibt es zahlreiche Ulpanim, die sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Hierzu möchte ich zwei persönliche Tipps geben:

Tip 1: Wer des Lesens und Schreibens nicht mächtig ist, dem lege ich dringend ans Herz, dies möglichst früh zu erlernen.

Die hebräische Druckschrift unterscheidet sich wesentlich von der Handschrift. Wer nicht schreiben kann, wird sich im Ulpan keine Notizen machen können.

Zwar kann man neue Begriffe zunächst in westlicher Schrift notieren, doch schon sehr bald wird man damit an Grenzen stossen. Ab einem gewissen Punkt funktioniert das einfach nicht mehr.

Ich habe das bei meinen damaligen Klassenkameraden oft genug beobachten können.

Tip 2: Wer in der Gegend von Jerusalem wohnt, dem empfehle ich den Ulpan Morasha.

Der Grund dafür ist, dass diese Schule nicht ausschliesslich dem vorgeschriebenen Lehrplan folgt, sondern sich verstärkt auf das konzentriert, was man im Alltag tatsächlich benötigt. Was man für eine Prüfung lernt, danach jedoch nicht unmittelbar anwenden kann, wird oft sehr schnell wieder vergessen.

Der Ulpan Morasha richtet sich bewusst danach aus: Die praktische Anwendung der Sprache steht stark im Vordergrund – ohne die Anforderungen der Prüfungen zu vernachlässigen.

Es gibt sicherlich auch andere Ulpanim, die ähnlich unterrichten, doch ich empfehle, sich bereits vor der Aliyah darüber zu informieren.


Man muss sich bewusst sein, dass eine solche Sprachschule sehr viel Zeit beansprucht und sich nur schwer mit einer Vollzeitstelle vereinbaren lässt.

Grundsätzlich ist deshalb im Vorteil, wer seine bisherige Arbeit von Israel aus fortsetzen kann. Insbesondere während der COVID-Zeit wurde in vielen Unternehmen die Arbeit von zuhause aus stark gefördert. Dadurch ist es heute in manchen Berufen möglich, eine bestehende Anstellung nach Israel mitzunehmen und gleichzeitig den Ulpan zu besuchen.

Bei mir war das nicht der Fall. Als selbständiger erfahrener Informatiker hatte ich gehofft, in dieser Branche relativ einfach eine Anstellung oder einen Auftrag zu finden. Doch ich musste feststellen, dass sich die Anforderungen in den vergangenen Jahren verändert hatten.

Mein breites Fachwissen als IT-Architekt und SW-Entwickler wurde weniger gefragt, als ich erwartet hatte. Gefragt waren vielmehr Spezialisten frisch ab der Universität mit sehr spezifischem Wissen in einzelnen Teilbereichen – Spezialisten, die ich gelegentlich etwas despektierlich als „Fachidioten“ bezeichne.


Damit habe ich zwei Problembereiche erwähnt, mit denen wohl die meisten Olim Chadashim schon sehr früh konfrontiert werden: die Sprache und die Arbeitsstelle beziehungsweise das Einkommen.

Das Problem der Sprache

Grundsätzlich gibt es zwei Methoden, mit diesem Problem umzugehen.

  • Entweder man investiert viel Zeit und Energie, die Sprache, das Lesen und Schreiben zu lernen.
  • Oder man hat das Problem bereits vor der Aliyah umgangen, indem man eine Wohngegend gewählt hat, in der viele andere Olim Chadashim aus derselben Sprachregion leben.

Ich hatte mich für Ersteres entschieden. Ich wollte mich in Israel integrieren, wollte “Israeli werden”, wollte israelische Freunde und Bekannte haben, wollte die jüdisch-israelische Mentalität kennen lernen und adaptieren.

Ich wollte nicht den Rest meines Lebens als “Fremder im eigenen Land” verbringen.

Die israelische Mentalität

Mich in diese Mentalität einzuleben, geschah nur in kleinen Schritten und über viele Jahre hinweg. Die Veränderungen waren so klein, dass ich sie oft gar nicht bewusst wahrnam.

Heute fühle ich mich jedoch zu 100% als Israeli. Das wird mir besonders bewusst, wenn ich meine alte Heimat wieder besuche. Obwohl ich dort aufgewachsen bin und mehr als fünfzig Jahre meines Lebens verbracht habe, fühle ich mich dort nicht mehr zuhause.

Im Gegenteil: Vieles kommt mir heute sehr fremd vor und oft ertappe ich mich beim Gedanken: Wie konnte ich so lange in diesem Land überleben?

Was macht denn diesen grossen Unterschied aus?

Um es kurz zu fassen: Schweizer sind zurückhaltend – Israelis sind direkt.

Das zeigt sich in alltäglichen Gesprächen. Ein typischer Schweizer formuliert eine Bitte oft vorsichtig: „Könntest du vielleicht für mich…?“ Ein typischer Israeli sagt eher: „Ich möchte, dass du für mich…“

Das eine ist zurückhaltend, das andere direkt. Der Wunsch wird klar ausgesprochen, ohne ihn hinter Höflichkeitsfloskeln zu verstecken.

Auch nach einer Absage zeigt sich dieser Unterschied. Typische Schweizer würden den Absagenden wohl daran erinnern, dass sie ihm früher in ähnlichen Situationen jeweils geholfen haben. Ein typischer Israeli hingegen hat kein Problem, eine solche Absage zu akzeptieren. Wer um etwas bittet, weiss, dass der Andere frei entscheiden kann, ob er helfen möchte oder nicht.

Dieser Mentalitätsunterschied zeigt sich in allen Bereichen des Lebens. Sei es im privaten Umfeld oder in der Öffentlichkeit. Sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit. Und sei es in der Politik.

Angekommen

Was mir eines Tages bewusst wurde:

Eigentlich habe ich erst hier mein wahres Ich entdeckt.

All diese Höflichkeitsformen und gesellschaftlichen Regeln, all dieses „Das darf man so nicht sagen“ oder „Das macht man nicht“, hatten mein wahres Ich jahrelang hinter einem Vorhang verborgen. Nicht nur vor anderen Menschen verborgen, sondern auch vor mir selbst.

Ich hatte etwas gelernt: Ich bin, wer ich bin. Und wenn jemand damit nicht klarkommt, dann ist das sein Problem, nicht meines. Ich brauche keine Freunde, die mich nicht als den Menschen akzeptieren können, der ich wirklich bin.


Doch es gab noch einen weiteren Aspekt, den ich bislang noch nicht erwähnt habe, und das betrifft jüdisches Leben.

Bereits vor dem Entscheid zu Aliyah hatte ich es zunehmend als beschwerlich empfunden, einen jüdischen Lebenstil zu pflegen. Alles war schwierig und ich habe es je länger desto mehr als untragbar empfunden.

  • Koschere Restaurants? In der Regel Fehlanzeige.
  • Koscher einkaufen? Stets mit der Lupe, um das Kleingedruckte der Zutaten lesen zu können.
  • Wichtige Feiertage an denen ich arbeiten musste.
  • In der Nähe des Wohnorts keine Synagoge – in der Nähe der Synagoge keine Wohnorte (am Shabbat sollte man nicht Auro fahren).
  • Sukkabau im Garten? Fragen der Nachbarn, die zu beantworten und erklären mir die Zeit fehlt.
  • Koscheres Fleisch? Nur via Postversand möglich, wo man nicht sieht, was einem danach zugeschickt wird.
  • Shabbat halten? Wenn fast alle Parties und Veranstaltungen doch Freitagsabends stattfinden, also am Shabbat…
  • Kippa oder gar Zizit? Das war damals zwar noch weniger gefährlich als heute, doch trotzdem unmöglich, weil ich nicht mit einer Kippa in einem träfen (nicht koscheren) Restaurant gesehen werden kann.

Es gäbe unzählige weitere Beispiele.

Doch hier in Israel ist all das normal: Feiertage, Kippa, Synagogen überall, fast alle Lebensmittelketten mit ausschliesslich koschererem Angebot…

Sicher: Jüdisch leben kann man auch ausserhalb Israels.

Doch nur in Israel ist jüdisches Leben die gesellschaftliche Norm und nicht etwas, das man sich mühsam organisieren und für das man immer wieder kämpfen muss.

Hier, und nur hier, sind wir Juden zuhause.

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