Tfillin

Was Tfillin (Gebetskapseln) sind, wissen wohl alle, denn Fotos von Juden mit Tfillin werden oft publiziert. Doch weshalb tun wir das? Wie tun wir das? Und was bedeutet es?

Das wissen eher wenige. Ich vermute, dass sogar viele Juden nicht wissen, was es eigentlich bedeutet. Deshalb will ich es hier mal erklären.

Weshalb legen wir Tfillin?

Diese Frage ist einfach beantwortet: Weil G’tt uns geboten hat, das zu tun.

Er tat dies gleich mehrmals, was auch zeigt, wie wichtig es ist: In Exodus 13: 9, in Exodus 13:16, in Deuteronomium 6:8 und in Deuteronomium 11:18 sagt er, wir sollen dies (die Worte, die in den Kapseln geschrieben stehen) zum Zeichen an unsere Hand und an unsere Stirn binden.

Das tun wir, indem wir uns die Tfillin umbinden.

Es mag zwar bildlich gemeint sein (unser Handeln und unser Denken), doch wir tun es (auch) genau so, wie es in der Torah steht.

Wie legen wir Tfillin?

Seit dem 7. Oktober 2023 ist in Israel ein starker Trend hin zum observanten Judentum zu beobachten. Dies ganz besonders unter jungen Menschen, doch man stellt auch eine Zunahme an Übertritten zum Judentum fest. Besonders ausgeprägt, doch nicht nur dort, sieht man das bei Soldaten, die Dienst leisten.

Ob in der Diaspora ähnliches zu beobachten ist, weiß ich nicht und ich befürchte fast, dass dem nicht so ist. Trotzdem verlinke ich hier ein Video, das zeigt, wie man sich die Tfillin umlegt, denn vielleicht wollen doch ein paar Juden der Diaspora das (wieder) lernen. Es wäre zu hoffen.

Das Video zeigt den aschkenasischen Brauch (denn in der westlichen Welt sind die meisten Juden aschkenasisch), doch ich selbst folge sephardischem. In der Praxis und im Detail gibt es ein paar minime Unterschiede, doch das meiste ist dasselbe.


Als erstes legen wir uns den Armbändel um den (linken) Oberarm und halten ihn dort fest. Wir legen den Arm an die Brust, so dass die Kapsel auf unser Herz zeigt, und sagen den ersten Segensspruch:

Gelobt seist du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, Tfillin anzulegen.


Danach wickeln wir den Bändel 3 Mal um den Oberarm, so dass der Bändel ein Shin (ש) bildet (das Shin steht für Sh’dai), dann 7 Mal um den Unterarm, wickeln das lose Ende um unsere Hand und fixieren es provisorisch. Nun sagen wir den zweiten Segenspruch:

Gelobt seist du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns das Tfillin-Gebot auferlegt hat.


Nun sagen wir einen dritten Segensspruch, doch diesen nur leise:

Gepriesen sei sein Name und die Herrlichkeit seines Reiches in Ewigkeit.


Nun binden wir uns den Bändel, dessen Ende wir in der Hand fixiert hatten, 3 Mal um den Mittelfinger, legen uns die Kopfkapsel an und sagen einen weiteren Segensspruch. Hier sprich G’tt mit uns und er bietet uns seinen Bund an: Eine „Verlobung“.

Ich will dich mir auf ewig verloben. Ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit, Recht, Güte und Barmherzigkeit. Und ich will dich mir verloben in Treue, auf dass du G’tt erkennest.


Auf dieses Angebot antworten wir mit dem folgenden Segensspruch:

Es sei dein Wille, Ewiger, unser G’tt und G’tt unserer Väter, dass dieses Tfillin-Gebot geachtet werde, als hätte ich es in allen Einzelheiten und mit allen Bestimmungen, Absichten und den damit verbundenen 613 Geboten genau erfüllt. Amen.


Wenn wir die Tfillin wieder ablegen, dann tun wir das in genau derselben Reihenfolge, wie wir sie uns angelegt haben, jedoch rückwärts und ohne Segenssprüche.

Was bedeutet das Anlegen der Tfillin?

Das wird sofort klar, wenn wir uns die hier beschriebenen Segenssprüche anschauen: Es ist eine „Verlobung“ mit dem Schöpfer. Er bietet sie uns an und wir nehmen das Angebot an.


Seit Langem ist es mir zur Gewohnheit geworden, das jeden Morgen so zu tun, nachdem ich geduscht und mich angekleidet habe. Ein Ritual, ohne welches ich in aller Regel nicht aus dem Haus gehe.

Weil ich danach stets auch das „Schma Israel“ sage (die ersten 3 Abschnitte sind obligatorisch), dauert das Ganze dann etwa 10 Minuten.

Es hat eine ganz spezielle Bedeutung für mich, denn bevor ich mich in den Tagesstress stürze, erinnert es mich daran, was wirklich wichtig ist, und das sind letztendlich nicht die Tagesaufgaben, sondern die Beziehung zu unserem Schöpfer.

Ohne ihn wäre ich nicht aufgewacht und ohne ihn werde ich keine einzige meiner Tagesaufgaben erfolgreich erfüllen.


Mit dieser kurzen Erklärung hoffe ich, den Nicht-Juden unter uns eine unserer „religiösen Eigenarten“ verständlich gemacht zu haben und – es wäre zu schön! – vielleicht ermuntert es auch einige Juden unter Euch, sich an das Gebot der Tfillin zu erinnern.

Vielleicht wird es auch ihnen zu einer festen Gewohnheit. Ich verspreche ihnen: Es wird ihre Tage positiv verändern!

3 thoughts on “Tfillin

    1. Inzwischen habe ich mich bei unserem Rabbiner erkundigt und mein erster Kommentar war nicht korrekt. Falsches will ich nicht stehen lassen und ich korrigiere (und erkläre) hiermit.

      Es ist Frauen tatsächlich nicht gestattet, die „männlichen“ Mitzwot auszuführen. Dazu gehören die Tfillin, aber auch Kippa, Tallit und andere.

      Der Hintergrund ist folgender:

      1.
      Da Frauen und Männer nicht gleich sind, gibt es einige Mitzwot nur für Frauen und andere nur für Männer.

      So – als sehr offensichtliches – ist es für Frauen obligatorisch, mindestens 1x im Momat in die Mikwe (rituelles Bad) zu gehen (am Ende der Monatsblutung), was für Männer logischerweise nicht gilt. Oder das Kerzenanzünden am Shabbat: Zwar können das auch Männer tun, sie dürfen den dazugehörenden Segensspruch jedoch nicht sagen.

      2.
      Alle Mitzwot sind grundsätzlich obligatorisch, und dies als Minimum, aber auch als Maximum. Man darf also nicht mehr tun, als die Mitzwa vorschreibt.

      Ein Beispiel aus der Torah: Nach der Vollendung des Tempels war man war verpflichtet, 1/2 Shekel zu spenden. Doch man durfte nicht 1 Shekel spenden: Genau 1/2, nicht mehr, nicht weniger. Es gibt etliche weitere Beispiele.

      3.
      Nun gibt es eine generelle Bemerkung zum Ansatz des liberalen Judentums (s. Eingangskommentar):

      Das liberale Judentum kennt einen Ansatz, der sich auf Gleichberechtigung beruft: Er erlaubt Frauen, auch die „männlichen“ Mitzwot auszuführen (in unserem Beispiel die Tfillin). Die für Männer verpflichtenden Mitzwot wollen jedoch nicht übernommen werden.

      Für Frauen soll freiwillig gelten, was für Männer obligatorisch ist.

      Doch was freiwillig ist, ist keine Mitzwa. Mitzwot sind grundsätzlich verpflichtend.

      Genau betrachtet ist die Erklärung einer Mitzwa als Freiwilligkeit die „Entheiliging“ einer Mitzwa.

      4.
      Wir kennen 613 Mitzwot, sie sind alle verpflichtend. Einige gelten nur in Israel, andere nur in der Diaspora. Einige gelten nur für Frauen, andere nur für Männer. Wieder andere sind an die Jahreszeit gebunden oder an die Existenz unseres Tempels.

      Nun ist jeder grundsätzlich frei, welche Mitza er (wie) einhalten will und welche nicht. Wir haben den freien Willen erhalten und sind für unser Handeln selbst verantwortlich. Wir haben dafür aber auch die Konsequenzen zu tragen.

      Was aber NICHT geht:
      – Etwas zu einer Mitzwa zu erklären, was keine ist,
      – Eine Mitzwa zu verleugnen (zB, sie als Freiwilligkeit zu erklären),
      – Eine Mitzwa zu verändern.

  1. Ich verstehe diese Bemerkung nicht.

    1.
    Frauen sind eh schon besser mit G’tt verbunden als Männer: Im Unterschied zu Männern schenken sie Leben. Männer können das nur indirekt.

    2.
    Ich wüsste nichts davon, dass das orthodoxe Judentum Frauen das Legen von Tfillin verbietet. Es ist bloss nicht üblich und wird – anders als bei Männern – von Frauen nicht gefordert.

    3.
    Ich wüsste auch nichts davon, dass das liberale Judentum das von Frauen – gleich wie von Männern – fordert.

    Generell: Ich möchte hier keine Werbung für das liberale Judentum und bitte dich, solches zu unterlassen.

    Wenn es dir wichtig ist, dann kannst du es jedoch im Forum, in einem speziellen Thema, zur Diskussion stellen.

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