Die Reaktionen

Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023, die Asche der Toten war noch nicht abgekühlt, gingen weltweit die “Pro-Palästina”-Demonstrationen los. Es schien, als hätte man sehnlichst auf diesen Tag gewartet.

Dass 251 unschuldige Menschen als Geiseln nach Gaza verschleppt worden waren, huschte nur kurz durch die internationalen Schlagzeilen. Die gelbe Schleife als Zeichen der Erinnerung und des Bemühens, sie wieder freizubekommen, wurde an die ersten Jackets geheftet – doch zumeist waren es israelische Jackets.

Ähnliche Zeichen der Solidarität aus dem Rest der Welt sah man deutlich seltener. Und wenn man sie sah, wirkten sie eher verlegen als engagiert.

Der Schock in Israel sass doppelt: Einmal über das Ereignis an sich und ein zweites Mal über die Erkenntnis, dass unser kleines Land damit weitgehend alleine gelassen wird.

Wenn wir die Opferzahlen in ein Verhältnis zu Deutschland setzen, dann ist das, als wären an einem halben Tag 10’300 Deutsche ermordet und 2’150 entführt worden.

In ein Verhältnis zu den USA gesetzt sind es 41’000 Ermordete und 8’600 Entführte. Das sind ungefähr 14-mal so viele Tote wie bei 9/11 – ohne die Verschleppten.

So viel, um das Verhältnis anzuzeigen. Damit lässt sich erahnen, welches Gewicht dieses Ereignis für Israel hatte – und welches man ihm im Ausland beimass. Dies selbst in Ländern, die wir als befreundet betrachtet hatten.


Doch in Israel begann jetzt die Suche nach den Verschleppten.

Am 13. Oktober, also sechs Tage nach dem Massaker, führte die IDF erste begrenzte Bodenoperationen in Gaza durch. Dabei ging es darum, Hinweise auf Vermisste und Geiseln zu finden.

Weitere zehn Tage später, am 23. Oktober, berichtete die IDF über den eigens aufgebauten Geheimdienstapparat zur Lokalisierung der Verschleppten.

Und eine weitere Woche später, am 30. Oktober, gelang die erste tatsächliche Befreiung einer Geisel durch die IDF und den Shin Bet, der Soldatin Ori Megidish.


Parallel dazu waren auf internationalen Strassen und Plätzen Parolen wie “Genozid”, “Kindermörder” und “Kriegsverbrecher” bereits zur Routine geworden. Dies lange bevor die IDF überhaupt eine grössere Offensive in Gaza begonnen hatte.

Nicht “Free the Hostages!” wurde skandiert, sondern “Free Palestine!”.

Übrigens ⇒ Den meisten “Pro-Palästina” und Antifa-Demonstranten ist wohl nicht bewusst, dass sie eigentlich eine arabische Version der Swastika schwenken, die Fahne der arabischen national-sozialistischen Ba’ath Partei, und dass sie ausgerechnet unter der Flagge einer nationalsozialistischen Partei gegen “Nazis” demonstrieren.

In Israel

Nach den ersten begrenzten Bodenoperationen ab dem 13. Oktober 2023 weitete Israel seinen Einsatz in Gaza schrittweise aus. Als erklärtes Ziel hatte die Regierung festgelegt: Die militärischen Strukturen der Hamas sollten zerstört und die nach Gaza verschleppten Geiseln nach Hause gebracht werden.

Mit dem Vorrücken der IDF verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend nach Süden.

Schliesslich rückte Rafah, der Grenzübergang nach Ägypten, ins Zentrum *).

Für Israel war dieser Raum von besonderer Bedeutung: Über Jahre hinweg waren dort Waffen und anderes Material durch unzählige Tunnel und Schmuggelwege aus dem Sinai nach Gaza gelangt.

In Israel bestand zudem die Sorge, dass Geiseln über diese Wege aus Gaza herausgebracht werden. Im Sinai wären sie kaum mehr aufzuspüren gewesen und von dort aus hätten sie sehr einfach in andere, mit der Hamas befreundete, Länder transportiert werden können.

*) Die Stadt Rafah war zu dieser Zeit zweigeteilt: Ein Teil der Stadt lag im Gazastreifen, der andere auf ägyptischer Seite im Sinai. Ägypten hat den auf seiner Seite gelegenen Teil der Stadt jedoch weitgehend eingeebnet und die Bevölkerung umgesiedelt, um entlang der Grenze zu Gaza eine breite, unbevölkerte Pufferzone zu schaffen. Seit Beginn des Krieges befürchtete Ägypten auch eine Infiltration des Sinai durch vor der IDF flüchtende Dschihadisten über diese Schmuggelwege.


Über einen israelischen Einmarsch in Rafah kam es zu erheblichen Spannungen mit der amerikanischen Regierung von Präsident Joe Biden. Washington drängte Israel wiederholt, auf eine Bodenoperation zu verzichten. Biden ging schliesslich so weit, die Lieferung bestimmter Waffen für den Fall einer grossen Offensive in Rafah infrage zu stellen und eine Lieferung schwerer Bomben zur Vernichtung von Tunnels wurde vorübergehend zurückgehalten.

Israel, seit 2023 wieder unter Premierminister Netanjahu, setzte die Operation jedoch trotzdem fort. Die IDF übernahm die Kontrolle über den Grenzbereich zu Ägypten und den Philadelphi-Korridor. Die dort gefundenen Tunnelschächte und Schmuggelanlagen bestätigten die israelischen Einschätzungen über die Bedeutung dieses Grenzgebietes.

Mit dem israelischen Vormarsch hatten sich zudem Führungsstrukturen der Hamas nach Rafah zurückgezogen, vermutlich weil sie sich dort sicherer fühlten. Dort wurde, allerdings erst viel später, auch der Führer der Hamas, Yahya Sinwar, gefunden und getötet.


Im drusischen Dorf Majdal Shams in Israel schlug am 27. Juli 2024 eine Rakete auf einem Fussballplatz ein und tötete dort 12 spielende Kinder und Jugendliche.

Bereits am 8. Oktober 2023, einen Tag nach dem Massaker der Gazaner im Südwesten, eröffnete die vom Iran unterstützte Hizbollah vom Libanon aus eine zweite Front im Norden.

Zuerst wurden israelische Militärstellungen beschossen, doch bald darauf gehörten Raketen, Drohnen und Panzerabwehrraketen auf Ortschaften entlang der Grenze praktisch zum Alltag. Die Hizbollah erklärte, damit den Krieg der Hamas gegen Israel zu unterstützen.

Israel war damit in einen Zweifrontenkrieg verwickelt. Besonders schwer wog nach den Erfahrungen des 7. Oktober die Befürchtung, die Hizbollah würde mit ihren Kämpfern die Grenze nach Israel durchbrechen und im Norden ein ähnliches Gemetzel anrichten wie die Hamas im Südwesten.

Rund 60’000 Bewohner von 32 Ortschaften im Norden wurden deshalb aus dem Grenzgebiet evakuiert. Viele von ihnen verliessen ihre Häuser im Oktober 2023, ohne zu wissen, dass sie länger als ein Jahr nicht zurückkehren können.

Damit hatte der 7. Oktober innerhalb weniger Tage Zehntausende von Israelis zu Binnenflüchtlingen gemacht. Familien lebten über Monate in Hotels und provisorischen Unterkünften, Kinder besuchten andere Schulen, die hastig dafür eingerichtet worden sind, Arbeitsplätze und landwirtschaftliche Betriebe konnten nicht mehr erreicht werden. Gleichzeitig wurden Häuser, Felder und Infrastruktur im Norden durch den fortgesetzten Beschuss beschädigt oder zerstört.

Erst im Herbst 2024, also ein Jahr später, verlagerte Israel den militärischen Schwerpunkt zunehmend an die Nordfront. Die IDF griff die Strukturen der Hizbollah im Libanon massiv an und begann Ende September eine begrenzte Bodenoffensive im Südlibanon.

Ende November 2024 trat schliesslich ein Abkommen über eine Waffenruhe in Kraft.

Ein Abkommen, das jedoch genau so brüchig ist, wie das “Gaza-Abkommen” mit der Hamas, denn der libanesischen Armee gelingt es bis heute (Ende 2026) nicht, die Hizbollah zu entwaffnen, und diese weigert sich – gleich wie auch die Hamas – ihre Waffen freiwillig abzugeben.

In den USA werden diese Verhandlungen zwischen Libanon und Israel weitergeführt, doch sie kommen nur zögerlich voran. Das Ziel der USA ist, den inzwischen fast 80 Jahre alten Kriegszustand zwischen diesen beiden Ländern mit einem Friedensvertrag zu beenden. Dazu müsste der Libanon das Existenzrecht Israels anerkennen, denn nur damit verbunden kann eine endgültige Grenzziehung festgelegt werden.


Wer hinter Hamas und Hizbollah steht, zeigte sich spätestens in der Nacht vom 13. auf den 14. April 2024 sehr deutlich. Erstmals griff der Iran Israel direkt von seinem eigenen Staatsgebiet aus an. In mehreren Wellen wurden mehr als 300 Drohnen, Marschflugkörper und Langstreckenraketen auf Israel abgefeuert.

Dieser Angriff konnte durch die israelische Luftabwehr mit Unterstützung der USA und weiterer Verbündeter fast vollständig abgefangen werden. Doch damit war eine bislang sakrosankte Schwelle der iranischen Politik überschritten: Israel wurde nicht mehr von iranischen Stellvertretern (Proxies), sondern vom Iran selbst angegriffen.

Am 1. Oktober 2024, also rund 8 Monate bevor Israel mit der Operation “Rising Lion” zurückzuschlagen begann, folgte ein zweiter direkter iranischer Grossangriff.

Diesmal feuerte der Iran mehr als 180 ballistische Raketen auf israelische Grossstädte ab. Wieder wurde ein grosser Teil abgefangen, einige dieser Raketen schlugen jedoch in Israel ein.

Auch aus dem Jemen wurde Israel angegriffen. Die vom Iran unterstützten Houthis feuerten ab Oktober 2023 wiederholt ballistische Raketen und Drohnen auf Israel ab und erklärten ihre Angriffe ausdrücklich als Unterstützung der Hamas und deren Krieg gegen Israel.


In Gaza dauerten die Kämpfe unterdessen weiter an. Immer wieder wurden Verhandlungen über Waffenruhen und die Freilassung der Geiseln geführt, unterbrochen von weiteren Kämpfen und einzelnen militärischen Befreiungsaktionen.

Innerhalb Israels wuchs der Druck von Angehörigen und Teilen der Bevölkerung, die Kämpfe einzustellen und eine Vereinbarung zu erreichen, welche die Geiseln nach Hause bringen würde. Die Berichte über diesen innenpolitischen Druck stärkten jedoch die Verhandlungsposition der Hamas und ermunterten diese, ihre Forderungen zu erhöhen, wodurch sich die Verhandlungen zusätzlich in die Länge zogen.

Doch mit dem Wechsel im Weissen Haus hatte sich auch die amerikanische Politik geändert. Unter Präsident Donald Trump wurden die Verhandlungen intensiviert und die Bedingungen verschärft. Im September 2025 legte Trump schliesslich einen umfassenden Plan zur Beendigung des Krieges vor und einen Monat später einigten sich Israel und die Hamas auf diesen Plan.

Die erste Phase dieses Plans sah eine Waffenruhe, einen teilweisen Rückzug der israelischen Truppen und die Rückgabe der Geiseln im Austausch gegen eine Vielzahl palästinensischer Gefangener vor. Damit begann die Umsetzung eines Plans, der in zwei weiteren Schritten unter anderem die Entwaffnung der Hamas, eine Demilitarisierung Gazas, einen Wiederaufbau mithilfe massiver Finanzspritzen und eine neue Verwaltung des Gazastreifens vorsah.

Seither hat sich die IDF auf eine festgelegte und inzwischen deutlich markierte “Yellow Line” zurückgezogen. Die grossen Kampfhandlungen sind eingestellt. Die IDF greift jedoch weiterhin ein, wenn ihre Truppen angegriffen oder bedroht werden oder Bewaffnete versuchen, die “Yellow Line” zu überschreiten.

Unabhängig davon geht die Jagd nach den Invasoren des 7. Oktober und ihren Führungskräften weiter. Fast alle führenden Köpfe hinter dem Massaker wurden inzwischen getötet – ebenso zahlreiche Gazaner, die am Überfall des 7. Oktobers beteiligt waren. Inzwischen (Ende 2026) berichtet die IDF, dass rund zwei Drittel der etwa 6’000 Angreifer des 7. Oktober identifiziert und getötet worden sind. Weitere rund 300 mutmassliche Beteiligte befinden sich in israelischer Gefangenschaft.


Der 7. Oktober 2023 hat im Nahen Osten eine Entwicklung ausgelöst, die wohl kaum jemand vorausgesehen hatte.

Israel hat nahezu die gesamte Führung der Hamas und der Hizbollah ausgeschaltet und zahlreiche hochrangige iranische Militärführer getötet. Weltweit Schlagzeilen machte insbesondere die inzwischen berühmte “Pager-Aktion” gegen die Hizbollah.

Auch militärisch wurden Hamas und Hizbollah schwer geschädigt. Im Iran zerstörten Israel und die USA grosse Teile der militärischen und nuklearen Infrastruktur des Landes. Wie weit das iranische Atomprogramm tatsächlich zurückgeworfen wurde, wird zwar unterschiedlich beurteilt; doch die angerichteten Schäden sind erheblich. Insbesondere die iranische Luftwaffe, die Marine, die Luftabwehr und die ballistischen Raketenkräfte wurden schwer getroffen. Iran arbeitet allerdings mit Hochdruck daran, seine ballistischen Raketenkräfte wieder aufzubauen. Wie gross deren heutige Stärke wieder ist, lässt sich nicht zuverlässig beurteilen.

Parallel dazu veränderten sich auch in Syrien die Machtverhältnisse grundlegend. Im Dezember 2024 stürzte das jahrzehntelang eng mit Iran und der Hizbollah verbündete Assad-Regime. Dessen brutale Niederschlagung der Proteste von 2011 hatte in einen Bürgerkrieg gemündet, der Hunderttausende Menschenleben forderte. Mit seinem Zusammenbruch verlor der Iran einen seiner wichtigsten Verbündeten und die Hizbollah zugleich ihre bisherige Nachschubroute für Waffen aus Iran über Syrien in den Libanon.

Im Ausland

In den ersten Stunden nach dem Massaker schien die Reaktion der internationalen Gemeinschaft eindeutig. Regierungen in aller Welt verurteilten den Angriff der Hamas und erklärten ihre Solidarität mit Israel. Das Brandenburger Tor in Berlin, das Empire State Building in New York und andere bekannte Gebäude wurden in den Farben der israelischen Flagge beleuchtet.

Doch parallel und im Widerspruch dazu zeigte sich auf den Strassen ein anderes Bild.

Bereits am 8. Oktober, während Israel noch damit beschäftigt war, die letzten in Israel verbliebenen gazanischen Kämpfer aufzuspüren und das Ausmass des Massakers überhaupt erst sichtbar wurde, versammelten sich beispielsweise am Times Square in New York Hunderte zu einer “Pro-Palästina”-Demonstration. Dort wurden Parolen wie “Resistance is justified”, “Globalize the intifada” und “From the river to the sea, Palestine will be free” gerufen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte noch kein einziger israelischer Soldat den Gazastreifen im Rahmen einer Bodenoffensive betreten. Die ersten begrenzten Bodenraids der IDF fanden erst am 13. Oktober statt; die grosse Bodenoffensive begann noch später.

Die Bilder der ermordeten Israelis waren noch in den Nachrichtensendungen, die Zahl der Toten noch nicht einmal abschliessend bekannt und Hunderte Verschleppte befanden sich in den Händen der Hamas. Dennoch hatte auf den Strassen westlicher Grossstädte eine Bewegung eingesetzt, in der sich die Aufmerksamkeit weg vom Massaker des 7. Oktober und hin zu einer Verurteilung Israels und seiner Reaktion verlagerte.

Und es blieb nicht bei einzelnen Demonstrationen. Innerhalb weniger Tage breiteten sich die “Pro-Palästina”-Proteste über nahezu die gesamte westliche Welt aus. In London, Paris, Berlin, Rom, Madrid, New York, Washington, Toronto, Sydney und zahlreichen weiteren Städten gingen Tausende, später Zehntausende Menschen auf die Strassen. Am 21. Oktober zählte eine Demonstration in London nach Schätzungen der Polizei rund 100’000 Teilnehmer.

Mit der Ausbreitung der Proteste kam es zunehmend auch zu Ausschreitungen, gewaltsamen Zusammenstössen mit der Polizei und zahlreichen Festnahmen.

In mehreren Städten wurden Demonstrationen wegen befürchteter Gewalt, antisemitischer Hetze oder der Verherrlichung terroristischer Organisationen zeitweise untersagt.

Dabei richteten sich die Proteste nicht gegen einzelne israelische Militäroperationen. Parolen wie “From the river to the sea”, “Globalize the Intifada” oder Vorwürfe eines israelischen Genozids, systematischen Kindermordes und Aushungens oder Vertreibung der Bevölkerung wurden zu wiederkehrenden Bestandteilen der Demonstrationen.

Israel, das wenige Tage zuvor Opfer des schwersten Massakers an Juden seit dem Holocaust geworden war, fand sich international zunehmend in der Rolle des Angeklagten wieder.

Dass Israel die gazanische Bevölkerung vor bevorstehenden Angriffen warnte, Fluchtkorridore freihielt, gemeinsam mit internationalen Organisationen die Impfung Hunderttausender gazanischer Kinder gegen Polio ermöglichte und die Einfuhr von Tausenden Tonnen Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern nach Gaza zuliess, fand in dieser Darstellung kaum Beachtung.

Kommentar ⇒ Von der Rolle Ägyptens, das ebenfalls eine Grenze zu Gaza hat, wurde nicht gesprochen.

Manipulierte Bilder und Videos überschwemmten die sozialen Netzwerke. Darunter befanden sich gefälschte Aufnahmen, Bilder aus anderen Ländern oder früheren Konflikten, aus dem Zusammenhang gerissene Szenen und Fotos angeblich ausgehungerter Kinder, bei denen bestehende schwere Erkrankungen verschwiegen wurden. Internationale Medien bezahlten gut für gestellte Filmproduktionen aus Gaza und “Pallywood” wurde zu einer einträglichen Industrie. Ihre Bilder verbreiteten sich millionenfach und prägten zunehmend die Wahrnehmung der Ereignisse in Gaza.


Doch es blieb nicht bei Demonstrationen und einer zunehmend einseitigen Darstellung des Krieges. Weltweit stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle sprunghaft an. Juden wurden beschimpft und angegriffen, Synagogen und jüdische Einrichtungen bedroht oder beschädigt und vielerorts mussten die Sicherheitsmassnahmen massiv verstärkt werden.

Dabei traf der Hass keineswegs nur Israelis oder Menschen, die sich öffentlich für Israel einsetzten. Juden wurden allein deshalb zum Ziel, weil sie Juden waren. Was als Protest gegen die israelische Kriegsführung bezeichnet wurde, richtete sich zunehmend gegen jüdisches Leben weit ausserhalb Israels.

  • Grossbritannien: Vom 7. Oktober bis Jahresende 2023 registrierte der Community Security Trust 2’699 antisemitische Vorfälle – 589% mehr als im gleichen Zeitraum 2022. Bemerkenswert: Bereits am 7. Oktober selbst (!) wurden 31 Vorfälle registriert; in der Woche danach waren es 416.
  • USA: Vom 7. Oktober bis Jahresende wurden 5’204 antisemitische Vorfälle registriert – mehr als im gesamten Jahr 2022. Bereits am 7. und 8. Oktober, als Israel noch gegen die eingedrungenen Hamas-Kämpfer kämpfte, lag die Zahl 585% über dem Vergleichszeitraum 2022.
  • Deutschland: 2023 dokumentierte RIAS 4’782 antisemitische Vorfälle – über 80% mehr als im Vorjahr. Rund zwei Drittel aller Fälle extremer Gewalt, körperlicher Angriffe und Bedrohungen des gesamten Jahres ereigneten sich nach dem 7. Oktober.
  • Frankreich: 2023 wurden 1’676 antisemitische Vorfälle registriert, gegenüber 436 im Jahr zuvor. Allein in den drei Monaten nach dem 7. Oktober wurden ebenso viele Vorfälle registriert wie in den drei vorhergehenden Jahren zusammen. Bereits am 7. Oktober selbst lag die Zahl antisemitischer Vorfälle mehr als 700% über dem üblichen Tagesdurchschnitt.
  • Belgien: Zwischen dem 7. Oktober und dem 7. Dezember 2023 gingen bei der staatlichen Gleichstellungsstelle Unia 91 Meldungen im Zusammenhang mit dem Konflikt ein; 66 davon bezogen sich ausdrücklich auf die jüdische Herkunft. Zuvor hatte Unia durchschnittlich lediglich vier bis fünf antisemitische Meldungen pro Monat registriert.

Die EU-Grundrechteagentur führt dazu eine Statistik. Doch solche Statistiken spiegeln nur teilweise wider, was jüdische Menschen in diesen Ländern tatsächlich erleben. Viele Vorfälle werden gar nicht gemeldet und alltägliche Anfeindungen, Ausgrenzung oder die Angst, sich öffentlich als Jude erkennen zu geben, erscheinen in keiner Polizeistatistik.

“Juden raus aus Europa und den USA” fordern dabei die gleichen Stimmen, die auch “Juden raus aus Palästina” fordern.

Für Juden hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Jüdische Einrichtungen müssen stärker geschützt werden und das sichtbare Tragen jüdischer Symbole oder das öffentliche Bekenntnis zu Israel werden zu einem ernsthaften Sicherheitsrisiko. Zunehmend verstecken sich Juden und das jüdische Volk wird unsichtbar.


Doch die Veränderung blieb nicht auf die Strasse und die sozialen Netzwerke beschränkt. Zunehmend veränderte sich auch die Haltung westlicher Regierungen gegenüber Israel. Staaten schränkten Waffenlieferungen ein oder stellten sie teilweise gänzlich ein, verhängten Sanktionen oder Boykottmassnahmen und diplomatische Beziehungen wurden belastet oder abgebrochen. Gleichzeitig wuchs der politische Druck auf Israel, seine militärischen Operationen einzustellen.

All dies bereits, während die Hamas weiterhin Geiseln festhielt und die Hizbollah, der Iran und die Houthis Israel teilweise täglich beschossen.

Die Beispiele dafür sind zahlreich. Spanien verhängte ein Waffenembargo gegen Israel und beschränkte militärisch relevante Transporte. Grossbritannien setzte einen Teil seiner Waffenexportlizenzen aus und verhängte gemeinsam mit weiteren Staaten Sanktionen gegen zwei israelische Minister. Frankreich verschärfte seine Beschränkungen für Rüstungsexporte und erkannte – wie andere europäische Länder auch – im September 2025 einen “palästinensischen Staat” an.

Auch wirtschaftliche Boykottmassnahmen kamen hinzu. Mehrere europäische Staaten haben inzwischen Einfuhrverbote für Produkte aus israelischen “Siedlungsgebieten” beschlossen oder entsprechende Massnahmen eingeleitet. Über diesen zunehmenden europäischen Handelskrieg gegen Israel habe ich in einem eigenen Artikel ausführlich berichtet.


Auch in den internationalen Institutionen geriet Israel zunehmend unter Druck

In der UNO wurden immer wieder Resolutionen verabschiedet, welche die israelische Kriegsführung verurteilten oder einen Waffenstillstand forderten. Die Ereignisse des 7. Oktober und die weiterhin festgehaltenen Geiseln wurden dabei grösstenteils ignoriert, teilweise gar verleugnet.

Bei ihren Verurteilungen stützten sich UNO-Organisationen auf Angaben gazanischer Behörden und Organisationen, deren enge Verbindungen zur Hamas bekannt waren. Ohnehin ist bekannt, dass kein “journalistischer Bericht” Gaza verlässt, der nicht von der Hams gutgeheissen und erlaubt worden ist. Erst viel später räumte die UNO widerwillig ein, dass neun Mitarbeiter ihres Hilfswerks UNRWA “möglicherweise am Massaker des 7. Oktober beteiligt gewesen waren”.

Auch die immer wieder zitierten Opferzahlen aus Gaza stammten ausschliesslich vom “Gesundheitsministerium” der Hamas. Sie unterschieden zwar nach Alter und Geschlecht, jedoch weder zwischen Zivilisten und Kämpfern noch nach Todesursache, beispielsweise zwischen Kriegseinwirkung und natürlichem Tod. Da die Hamas auch Minderjährige rekrutiert, werden ihre Kämpfer unter 18 Jahren in ihren Statistiken einfach als “Kinder” ausgewiesen.

Erläuterung ⇒ Minderjährige stellen rund 45% der Bevölkerung Gazas. Nach den vom gazanischen Gesundheitsministerium gemeldeten und von der UNO wiedergegebenen Zahlen machen sie aber nur rund 30% der Todesopfer aus. Gemäss denselben Zahlen beträgt der Anteil der männlichen Toten in kampffähigem Alter hingegen 49%.

Vor diesem Hintergrund wuchs in Israel zunehmend der Eindruck, dass Angaben aus dem von der Hamas beherrschten Gazastreifen international bereitwillig übernommen, während Informationen aus Israel ignoriert werden.

Ähnliches lässt sich auch in vielen Medienberichten beobachten: Angaben aus Gaza werden häufig wie verifizierte Tatsachen wiedergegeben, doch Informationen aus Israel erscheinen zumeist in indirekter Rede oder mit Zusätzen wie “nach israelischen Angaben” oder “Israel behauptet”.

Jedenfalls: Nach israelischen Angaben liegt das Verhältnis zwischen getöteten Kämpfern und Zivilisten in Gaza bei ungefähr 1:1. Selbst wenn man diese Angaben wegen der schwierigen Datenlage mit entsprechender Vorsicht betrachtet, wäre dies für einen Krieg in einem derart dicht besiedelten urbanen Gebiet, in welchem Kämpfer nicht von Zivilisten unterschieden werden können (die meisten Kämpfer tragen keine Uniformen), aussergewöhnlich niedrig.

Zum Vergleich Kämpfe in anderen dicht besiedelten Gebieten: Für die neunmonatige Schlacht um Mossul gegen den “Islamischen Staat” 2016/17 kommt eine häufig zitierte Schätzung auf etwa 2.5 getötete Zivilisten pro getötetem ISIS-Kämpfer. Noch grösser wird der Unterschied bei den Kämpfen in der Stadt Manila 1945: Auf rund 17’000 getötete japanische Soldaten kamen rund 100’000 Zivilisten, also ein Verhältnis von rund 6:1.


Ende Dezember 2023 brachte Südafrika Israel vor den Internationalen Gerichtshof (ICJ) und warf dem Land einen Genozid an den Palästinensern in Gaza vor. Der Gerichtshof hat Israel bis heute nicht des Genozids schuldig gesprochen, doch das Verfahren trug wesentlich dazu bei, dass der Begriff “Genozid” fortan weltweit mit Israels Krieg in Gaza verbunden wird.

Noch weiter ging der Internationale Strafgerichtshof (ICC). Im November 2024 erliess er Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und den damaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seither müssen zwei führende Vertreter eines demokratischen Staates bei Reisen in zahlreiche Länder damit rechnen, verhaftet zu werden. Wohlverstanden: Aufgrund eines Verdachts – nicht aufgrund eines Urteils.

Karim Khan (ICC), der diese Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant beantragt hatte, wurde übrigens im Juli 2026 nach einem Disziplinarverfahren wegen schweren Fehlverhaltens und schwerer Pflichtverletzung aus seinem Amt als Chefankläger des ICC entfernt.


Auch ausserhalb des Nahen Ostens hat der 7. Oktober 2023 eine Entwicklung ausgelöst, deren Ausmass wohl kaum jemand vorausgesehen hatte. Innerhalb kurzer Zeit wandelte sich Israel in weiten Teilen der öffentlichen Wahrnehmung vom Opfer des schwersten Massakers an Juden seit dem Holocaust zum Angeklagten.

Der Hass auf Israel und Juden nahm weltweit massiv zu, jüdisches Leben wurde wieder gefährlicher und selbst Regierungen und internationale Institutionen erhöhen seither zunehmend den politischen, wirtschaftlichen und juristischen Druck auf Israel.

Gleichzeitig anerkennen mehr und mehr Länder einen “Staat Palästina”, ohne diese Anerkennung an Bedingungen – wie zum Beispiel die Bekämpfung von Terrorismus – zu knüpfen.

Haben die Planer des 7. Oktobers ihr Ziel erreicht?

Das ist eine Frage, die nicht einfach mit einem JA oder NEIN beantwortet werden kann.

Wie die obigen Erläuterungen und die heutige Realität zeigen, lautet die Antwort NEIN, wenn man einzig den kurzfristigen militärischen Aspekt beurteilen will. Hamas und Hizbollah wurden militärisch schwer geschädigt, grosse Teile ihrer Führung ausgeschaltet und auch ihr wichtigster Unterstützer Iran erheblich geschwächt.

Dass sie so ihren Krieg gegen Israel gewinnen werden, ist praktisch ausgeschlossen.


Die Antwort sieht jedoch anders aus, wenn man die weltweite Zunahme des Hasses auf Juden und Israel betrachtet. Die Vernichtung Israels gehört seit ihrer Gründung zu den erklärten Zielen der Hamas: Ihre Gründungscharta verbindet diesen Kampf ausdrücklich mit religiösem Fanatismus und antisemitischen Vorstellungen.

Als palästinensischer Zweig der Muslimbruderschaft ist sie zugleich Teil einer islamistischen Bewegung, deren langfristiges Ziel die Errichtung einer nach islamischem Recht (Scharia) geordneten Gesellschaft und Herrschaft ist.

Wenn die Planer des 7. Oktober also nicht nur ein kurzfristiges militärisches Ziel verfolgten, sondern Israel international isolieren, den Hass auf Israel und Juden weltweit verstärken und den Konflikt weit über den Nahen Osten hinaustragen wollten, dann muss man eingestehen: Dieses Ziel haben sie, zumindest teilweise, erreicht.


Die folgenden Aufnahmen zeigen einige wenige Ausschnitte dessen, was kurz nach dem 7. Oktober bekannt wurde: die Zeugenaussage einer Überlebenden, den Bericht eines Journalisten, nachdem er Aufnahmen des Massakers gesehen hatte, die Aussagen gefangener Hamas-Kämpfer – und schliesslich die langen Kolonnen von Hilfslieferungen, die für die Bevölkerung Gazas bereitgestellt wurden aber feststeckten, weil niemand sie in Gaza in Empfang nahm.

Es sind Bilder und Aussagen, die nur schwer mit jenem Bild in Einklang zu bringen sind, das sich in Teilen der internationalen Öffentlichkeit zunehmend durchsetzt.


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