Hilfe kommt

Hilfe kam, doch für viele zu spät. Die Ersten, die zu Hilfe eilten, waren Privatpersonen. Menschen, die von Freunden, Angehörigen oder Bekannten aus den angegriffenen Ortschaften angerufen und über den Angriff informiert wurden. Viele von ihnen konnten Menschen retten. Doch manche verloren bei ihren Rettungsversuchen selbst ihr Leben.

Doch die offiziellen Sicherheitskräfte reagierten spät.

  • Herzi Halevi, der damalige IDF-Generalstabschef, wurde zwar bereits zwischen 02:00 und 03:00 Uhr geweckt und über die ungewöhnlichen Vorgänge informiert. Um etwa 04:00 Uhr besprach er die Lage mit dem Chef des Südkommandos, Yaron Finkelman. Die Einschätzung war jedoch weiterhin, dass keine unmittelbar bevorstehende Grossinvasion erkennbar sei.
  • Ronen Bar, der damalige Chef des Shin Bet, kam gegen 04:30 Uhr in die Shin-Bet-Zentrale (Inlandgeheimdienst). Der Shin Bet hatte bereits um 03:03 Uhr eine Warnung verteilt, wonach ungewöhnliche Vorbereitungen auf offensive Absichten der Hamas hindeuten könnten. Trotzdem wurde das Szenario als begrenzter Überfall eingeschätzt. Bar entsandte trotzdem vorsorglich eine schnelle Eingreiftruppe des Shin Bet (“Tequila-Team”) in den Süden.
  • Tomer Bar, der Chef der israelischen Luftwaffe, erhielt gegen 05:30 Uhr eine ausführlichere Information. Halevi sprach dann um 06:36 Uhr, sieben Minuten nach Beginn des Angriffs, direkt mit ihm.
  • Benjamin Netanyahu erhielt um 06:29 Uhr den ersten Anruf seines damaligen Militärsekretärs Avi Gil, der ihn über einen Angriff aus Gaza informierte. Um 06:44 Uhr erhielt er ein zweites Update. Er fuhr dann gegen 07:30 Uhr zur Kirya. Die erste umfassendere Lagebesprechung unter seiner Leitung mit Gallant, Halevi, Bar und weiteren Spitzenvertretern fand laut seiner veröffentlichten Zeitleiste um 09:55 Uhr statt.

Warum eine koordinierte militärische Reaktion erst so spät erfolgte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Zu den Kräften, die besonders schnell an den verschiedenen Angriffsorten hätten eingesetzt werden können, gehörte wohl die Luftwaffe mit ihren Kampfhubschraubern.

Doch auch die Luftwaffe war auf einen Angriff dieser Art nicht vorbereitet. Ein Teil ihrer verfügbaren Kräfte befand sich weit entfernt vom Gazastreifen und zunächst fehlte ein Lagebild, das erkennen liess, dass nicht einzelne Terrorgruppen die Grenze durchbrochen hatten, sondern dass an zahlreichen Orten gleichzeitig Tausende bewaffnete Gazaner nach Israel eingedrungen waren.

Kampfhubschrauber wurden schliesslich eingesetzt und griffen bewaffnete Angreifer an. Doch als grössere Luftstreitkräfte das Kampfgebiet erreichten, befanden sich Angreifer, israelische Sicherheitskräfte und Zivilisten vielerorts bereits durchmischt im selben Gebiet. Ein grossflächiger Einsatz aus der Luft war damit kaum mehr möglich.


Hinzu kam, dass die Hamas zu Beginn des Angriffs gezielt die elektronischen Überwachungs- und Kommunikationssysteme entlang der Grenze angegriffen hatte. Mit Drohnen, Sprengsätzen und Schusswaffen wurden Kameras, Sensoren, Beobachtungstürme und ferngesteuerte Waffensysteme teilweise ausser Betrieb gesetzt. Gleichzeitig wurden militärische Stützpunkte und deren Kommunikationsanlagen angegriffen.

Damit verlor die israelische Führung in den ersten und entscheidenden Minuten einen Teil ihrer “Augen und Ohren” an der Grenze. Während aus immer mehr Ortschaften verzweifelte Hilferufe eingingen, fehlte den übergeordneten Stellen ein zuverlässiges Gesamtbild darüber, wie viele Angreifer die Grenze durchbrochen hatten, wo sie sich befanden und wie weit sie bereits nach Israel vorgedrungen waren.


Zwar trafen schon früh einzelne Soldaten und militärische Einheiten, Polizisten, Grenzschutzkräfte und Angehörige verschiedener Spezialeinheiten an den angegriffenen Orten ein. Dies geschah jedoch zumeist aus Eigeninitiative, aufgrund direkter Hilferufe oder lokaler Informationen und weitgehend unkoordiniert. Eine zentrale Führung, die das Ausmass des Angriffs überblickte und die verfügbaren Kräfte entsprechend einsetzte, fehlte in diesen entscheidenden ersten Stunden.


Die Vorgänge des 7. Oktober wurden später innerhalb der Sicherheitsorgane umfassend untersucht. Zahlreiche Abläufe, Einsatzkonzepte und Strukturen wurden überprüft und optimiert.

Das Versagen hatte auch personelle Konsequenzen: Mehrere hochrangige Verantwortliche übernahmen die Verantwortung und traten zurück oder beendeten ihren Dienst; gegen weitere Führungskräfte wurden dienstrechtliche Massnahmen verhängt.

Die Aufarbeitung und Umsetzung der daraus gezogenen Lehren dauert bis heute an.


Das folgende Video zeigt Bilder von der Ankunft der ersten Rettungspersonen und Sicherheitskräfte sowie von ihren Kämpfen gegen bewaffnete Gazaner, die sie vor Ort noch antrafen.

Warnung: Auch dieses Video ist für Kinder und zartbesaitete Menschen nicht geeignet.


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