In diesem Artikel möchte ich zwei jüdische Feiertage vorstellen, die etwas sehr Grundsätzliches über das Judentum erklären.
“Rosh HaShana” (1. Tishrei) ist das jüdische Neujahr. Genau genommen gibt es noch drei weitere jüdische Neujahrstage:
- 1. Tishrei: “Rosh HaShana” (Kopf des Jahres), Beginn eines jüdischen Kalenderjahres
- 15. Shvat: Für die Bestimmung des Alters von Bäumen
- 1. Nissan: Neujahr für Könige und Feste
- 1. Elul: für die Bestimmung des Alters von Rindern
“Yom Kippur” (10. Tishrei) ist der höchste jüdische Feiertag. Von ihm haben die meisten wohl schon gehört, und sei es auch nur im Zusammenhang mit den Yom-Kippur-Krieg im Oktober 1973, als Ägypten und Syrien ihren Krieg gegen Israel begannen. Dieser Feiertag, so dachten sie, sei für einen Überraschungsangriff besonders gut geeignet – ein Fehler, der sie dann teuer zu stehen kam.
Die Tage zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur haben im Judentum eine ganz besondere Bedeutung. Von ihr handelt dieser Artikel.
Inhalt
Rosh HaShana

Der jüdische Kalender ist ein Mondkalender, der durch Schaltmonate mit dem Sonnenjahr in Einklang gehalten wird. Seine Monate beginnen mit dem Neumond.
Gemäss diesem Kalender markiert Rosh HaShana den Beginn eines neuen Kalenderjahres.
Nach jüdischer Überlieferung wurde an diesem Tag der Mensch erschaffen und damit die Schöpfung vollendet.
Die zivile Jahreszählung richtet sich bis heute nach diesem Kalender. So zum Beispiel auch das Schmittajahr (Shabbatjahr), jedes siebente Jahr, in dem Juden in Israel nicht säen und nicht in gewöhnlicher Weise ernten dürfen.
Was tun Juden an Rosh HaShana?
Für diesen Tag wird ein aufwändiges Festessen vorbereitet. Viele der dabei traditionell verwendeten Speisen haben eine besondere symbolische Bedeutung:
- Apfel und Honig – für ein süsses neues Jahr
- Granatapfel – damit sich unsere guten Taten und Verdienste vermehren wie seine Kerne
- Runde Challa (traditionelles jüdisches Zopfbrot) – für den Kreislauf des Jahres
- Ein Fischkopf (seltener der Kopf eines anderen Tieres) für “Kopf und nicht Schwanz”: Vorausgehen statt hinterherlaufen
- Und, je nach Tradition, weitere Esswaren, die alle für einen bestimmten Wunsch für das neue Jahr stehen
Für dieses Festmahl kommt oft die ganze Familie zusammen und viele laden auch andere Gäste ein, insbesondere Juden, von denen sie wissen, dass sie an diesem Tag ansonsten alleine wären.
Für diesen Tag gelten viele “seltsame jüdische Regeln” ( ☺️ ), wie sie auch für jeden Shabbat gelten.
Die meisten besuchen an diesem Tag ihre Synagoge.
Ein zentrales Element des Gottesdienstes an Rosh HaShana ist das Blasen des Schofars, eines aus einem Widderhorn gefertigten Blasinstruments. Die drei eigenartigen, durchdringenden Klänge des Schofars sind im Judentum so wichtig, dass in vielen Gemeinden jemand durch die Strassen geht und das Schofar auch für jene bläst, die nicht in die Synagoge gehen.
Die drei unterschiedlichen Klänge – Tekia, Schewarim und Terua – wirken als Aufruf, Klage und Weckruf: Der Mensch soll innehalten, über sein Handeln nachdenken und umkehren.

Rosh HaShana ist aber nicht nur ein Neujahrsfest. Es ist auch der „Tag des Gerichts“.
Bildlich gesprochen werden an diesem Tag unsere „Kontobücher“ herangezogen. Jeder hat sein eigenes “Kontobuch” und darüber wird Bilanz gezogen:
Was haben wir im vergangenen Jahr getan? Was war gut, was war schlecht? Wo haben wir Fehler gemacht, anderen Menschen Unrecht getan oder Möglichkeiten versäumt, etwas Gutes zu tun?
Nach jüdischer Vorstellung wird an Rosh HaShana das vergangene Jahr abgerechnet, um über das kommende zu entscheiden. Dazu wird unser “Kontobuch” geöffnet. Dieses Buch bleibt bis Yom Kippur offen. Bis dahin können noch Korrekturen eingebracht werden.
Aus diesem Grund bestehen viele Gebete dieses Tages aus dem Wunsch, möglichst gut in dieses Buch eingetragen zu werden. Auch untereinander tritt zu den sonst üblichen Grüssen nun der Wunsch: “Mögest du für ein gutes Jahr in das Buch eingetragen werden” (לשנה טובה תכתב).
Die zehn Tage der Umkehr
Wie bereits erwähnt, dauert es nach Rosh HaShana noch zehn Tage bis Yom Kippur. Sie werden als “Tage der Umkehr” (Aseret Yemei Tshuva – Tshuva bedeutet Umkehr/Rückkehr) bezeichnet. Bis Yom Kippur bleibt das “Kontobuch” geöffnet und man hat die Möglichkeit, zu beeinflussen, was dort schlussendlich stehen bleiben soll.
Doch wie tut man das?
Es gibt zwei Kategorien von Handlungen, die dabei ins Gewicht fallen: Handlungen gegenüber unseren Mitmenschen und Handlungen gegenüber G’tt.
Handlungen gegenüber Menschen
Wir machen uns also Gedanken, welchen Mitmenschen wir im vergangenen Jahr Schmerzen zugefügt haben. Haben wir sie beleidigt? Waren wir ihnen gegenüber unfair? Haben wir jemanden belogen oder getäuscht? Haben wir jemandem etwas vorenthalten, das ihm zustand? Haben wir jemanden im Stich gelassen, als er unsere Hilfe gebraucht hätte? Haben wir schlecht über jemanden gesprochen oder seinem Ruf geschadet?
Haben wir jemandem Unrecht getan, ohne es damals überhaupt zu bemerken?
Dabei geht es zunächst um das jüdische Umfeld. Die besonderen Regeln dieser Tage beziehen sich nicht in jeder Hinsicht gleich auf Juden und Nichtjuden, denn Nichtjuden kennen die besondere Bedeutung dieses Vorgehens in aller Regel nicht und würden es nicht richtig einordnen können.
Wenn uns so etwas einfällt, werden wir den Betroffenen kontaktieren, erklären, worum es geht, uns entschuldigen, ihn fragen, wie wir das angerichtete Unrecht wieder gut machen können, ihm zusagen, dass wir so etwas nicht wiederholen wollen, und ihn fragen, ob er uns vergeben kann.
Was wir wieder gut machen können, müssen wir wieder gut machen. Doch ob der Betroffene uns darüber hinaus vergeben will, liegt an ihm.
Es liegt nun also am Betroffenen, diese Entschuldigung anzunehmen oder sie zurückzuweisen. Wir können Vergebung nicht erzwingen. Wir können nur unser Möglichstes tun, das begangene Unrecht wieder gut zu machen. Ob der andere uns danach vergeben will, ist sein Entscheid. Lehnt er das ab, kann sich die Situation auch umkehren: Durch eine ablehnende Haltung (ob aus Trotz, aus Wut, aus Hass…) kann nun er sich uns gegenüber schuldig machen.
Gegenüber Freunden kann das einfach und informell geschehen, doch gegenüber Gegnern und Feinden wird das sofort sehr viel schwieriger.
Handlungen gegenüber G’tt
Anders sieht es bei Handlungen gegenüber G’tt aus. Haben wir bewusst gegen Gebote verstossen? Haben wir Pflichten vernachlässigt? Haben wir etwas getan, von dem wir wussten, dass wir es nicht tun sollten?
Hierbei gibt es Handlungen, die nicht so leicht entschuldbar sind, sondern eine Besprechung mit einem Rabbiner erfordern, eventuell gar das Anrufen eines Beit Din. Dort wird beurteilt, wie das Vergehen einzuordnen ist und wie wir damit umgehen sollen.
Es gibt aber auch einfachere Vergehen, bei denen es genügt, sich dessen bewusst zu werden, sie zu bereuen und sich vorzunehmen, es im nächsten Jahr besser zu machen. Hierzu ist es sicher hilfreich, sich das in seinem Kalender oder einer ToDo-Liste zu notieren, denn wir sind alle nur Menschen und wissen allzu gut, wie leicht gute Vorsätze vergessen gehen.
Yom Kippur
Mit Yom Kippur enden die zehn Tage der Umkehr. Nun kommt der Tag, an dem unser “Kontobuch” geschlossen wird. Es ist unsere letzte Chance, den Saldo zu beeinflussen.
Bei dieser letzten Chance kann es sich nicht mehr um Menschen handeln. Jetzt geht es ausschliesslich um unsere Verbindung zu G’tt. An diesem Tag tritt unsere physische Existenz in den Hintergrund. Im Zentrum steht unsere Seele, der metaphysische Aspekt unseres Daseins.
Deshalb schieben wir alle unsere physischen Bedürfnisse in den Hintergrund und verzichten gar auf Essen und Trinken: An Yom Kippur fasten wir für rund 25 Stunden.
Viele Juden verbringen einen grossen Teil dieses Tages in der Synagoge. Viele tragen dabei ein weisses Gewand, den sogenannten “Kittel”.
Wenn ihr also an diesem Tag auf der Strasse einem Mann in einem solchen Kittel begegnet, dann handelt es sich womöglich weder um einen Muslim noch um einen Mann, der in der Morgenhetze vergessen hat, sich anzukleiden, und noch im Nachthemd auf die Strasse gegangen ist: Es könnte auch ein Jude sein, der diesen Brauch lebt. 😊
Doch was bedeutet diese Tradition?
Das Weiss steht für Reinheit, wie es vielerorts für Brautkleider eine Bedeutung hat, doch der Kittel erinnert zugleich an ein Totenhemd. Dahinter steht ein Gedanke: Für diesen Tag lassen wir unseren Körper zurück und treten mit unserer Seele vor G’tt.

Ein grosser Teil des Tages wird mit Gebeten verbracht, für die es sogar ein eigenes Gebetbuch gibt – den Machzor LeYom Kippur.
Den Abschluss von Yom Kippur bildet das Gebet “Ne’ila”, was sinngemäss “Schliessung” bedeutet. Die Tore schliessen sich, unser “Kontobuch” wird geschlossen. Mit einem letzten, langen Ton des Schofars endet schliesslich Yom Kippur nach Sonnenuntergang.
Übrigens: Weisst du, weshalb im Judentum ein neuer Tag mit Sonnenuntergang beginnt und nicht um Mitternacht?
Das kommt aus der Schöpfungsgeschichte, dem Beginn der Torah, wo es heisst: “…und es wurde Abend und es wurde Morgen – ein Tag”. Der Abend kommt hier vor dem Morgen – und er läutet den neuen Tag ein.
Was bedeutet all das nun für das jüdische Selbstverständnis?

Wir kennen die Vorstellung, wonach unser Schlaf einem “kleinen Tod” ähnelt. Unser Körper tritt zurück und die Kontrolle wird unserer Seele und unserer Traumwelt in die Hand gegeben.
Gemäss diesem Bild wachen wir am nächsten Tag mit einem neuen Leben auf, als ein neuer Mensch. Damit kann jeder einzelne Tag ein Tag der Tshuva, ein Tag der Umkehr sein, ein Tag auf dem Weg zu einem besseren Menschen.
Die Tage zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur sind jedoch speziell. Sie sind nicht individuell, sondern unser ganzes Volk nimmt daran teil. Zudem konzentrieren wir uns mehrere Tage lang ganz spezifisch auf diese Aufgabe. Dass andere das auch tun, verstärkt unser Bemühen. Dabei geht es um:
- Retrospektiv: Das eigene Handeln im vergangenen Jahr betrachten – ein selbstkritischer Jahresrückblick.
- Eigenverantwortung anerkennen: Fehler nicht verdrängen oder jemand anderem zuschieben.
- Bereinigen: Wo andere Menschen betroffen sind, sich entschuldigen und angerichteten Schaden soweit möglich wiedergutmachen.
- Prospektiv: Aus den erkannten Fehlern lernen und sich konkret vornehmen, es künftig besser zu machen.
- Persönliche Entwicklung: Nicht einfach “Schuld löschen”, sondern versuchen, ein besserer Mensch zu werden.
Dieses Verständnis ist im Judentum zentral. Das Leben geht stets weiter und es liegt an uns, unsere Fehler zu erkennen, daraus zu lernen und es in Zukunft besser zu machen. Die Vergangenheit jedoch, die kann nicht mehr verändert werden. Ihre wichtigste Funktion ist, aus ihr zu lernen.
Auch die Anerkennung, dass wir – wie alle anderen Menschen auch – nicht perfekt sind und dauernd Fehler machen, wird uns in diesen Tagen deutlich vor Augen geführt. Aber auch die Erkenntnis, dass wir viele dieser Fehler wieder gutmachen können.
Und die alljährliche Erinnerung daran, dass wir für unsere Fehler selbst verantwortlich sind, auch dafür, wie wir sie wiedergutmachen könnem, und dafür, was wir daraus lernen, führt uns immer wieder unsere persönliche Eigenverantwortung vor Augen.
In unseren Entscheidungen sind wir frei und was wir daraus machen, liegt an uns.
Wir sollten jedoch stets bedenken: Wir können zwar über unser Handeln frei entscheiden, doch welche Konsequenzen dieses Handeln hat, darüber entscheidet G’tt.
Daran erinnern uns diese Festtage.
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